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    Lexikos

    On-line version ISSN 2224-0039Print version ISSN 1684-4904

    Lexikos vol.35 n.2 Stellenbosch  2025

    https://doi.org/10.5788/35-2-2087 

    ARTICLES

     

    Aktuelle Aussprachewörterbücher des Deutschen und des Englischen im Vergleich

     

    Current Pronunciation Dictionaries of German and English Compared

     

     

    Krzysztof NyczI; Zygmunt TęczaII

    IInstitut für Germanistik, Philologische Fakultät, Universität Rzeszów, Polen (knycz@ur.edu.pl) (https://orcid.org/0000-0003-2976-1746)
    IIInstitut für Germanistik, Philologische Fakultät, Universität Rzeszów, Polen (ztecza@ur.edu.pl) (https://orcid.org/0000-0002-9543-4674)

     

     


    ZUSAMMENFASSUNG

    In dem vorliegenden Artikel werden insgesamt fünf, zwei deutsche und drei englische Aussprachewörterbücher, die den aktuellen Entwicklungsstand der Phonolexikographie des Deutschen und des Englischen repräsentieren, einer kritisch-vergleichenden Betrachtung unterzogen. Das Ziel dieser Gegenüberstellung besteht nicht nur darin, die Stärken und die Schwächen der einzelnen Werke vor dem Hintergrund der aktuellen lexikographischen Praxis zu erörtern und ggf. auch Impulse für zukünftige Entwicklungen in der Darstellung und Vermittlung von Ausspracheinformationen zu geben, sondern auch, einen interlingualen Diskurs anzuregen, der zur Reflexion über universelle und sprachspezifische Herausforderungen in der phonetischen Standardisierung und Kodifizierung beitragen könnte.
    Den Ausgangspunkt bildet eine allgemeine Charakteristik der zu untersuchenden Wörterbücher, bei der Aspekte wie ihre Entstehungsgeschichte, ihre Zielgruppen sowie Konstruktion und Umfang des jeweiligen Wörterverzeichnisses und des einführenden Textteils zur Sprache kommen. Die eigentliche Analyse fokussiert sich auf vier Schwerpunkte: die Auffassung dessen, was als Standardaussprache zu verstehen und zu kodifizieren ist, den Umgang mit phonostilistischen und regionalen Aussprachevarianten, ferner die grafische Gestaltung der verglichenen Nachschlagewerke und schließlich ihre multimedialen Erweiterungen. Im letzten Abschnitt werden die in den genannten Bereichen festgestellten Gemeinsamkeiten und vor allem Unterschiede zwischen den analysierten Wörterbüchern zusammenfassend geordnet und abschließend wird noch kurz ein subjektiver Ausblick auf die Zukunftsperspektiven der Aussprachewörterbücher gewagt.

    Schlüsselwörter: aussprachewörterbuch, aussprachekodifizierung, deutsche aussprache, englische aussprache, standardaussprache, phonetischer standard, aussprachevarianten, phonolexikographie, digitale lexikographie, elektronische lexikographie


    ABSTRACT

    The following paper takes a critical and comparative look at a total of five dictionaries of pronunciation, two German and three English, which represent the current state of development in German and English phono-lexicography. The aim of this comparison is not only to discuss the advantages and disadvantages of the individual works in the context of current lexicographical practice and, possibly, to provide ideas for future developments in presenting and conveying pronunciation information, but also to stimulate an interlingual discourse that could contribute to reflection on universal and language-specific challenges in phonetic standardisation and codification.
    As a starting point, a general description of the dictionaries under investigation is provided, covering aspects such as their origins, target groups, as well as the construction and extent of the respective word lists and front matters. The actual analysis focuses on four main areas: the concept of what is to be considered and codified as standard pronunciation, the treatment of phono-stylistic and regional pronunciation variants, the graphic design of the dictionaries compared, and finally their multimedia extensions. The last section summarises the similarities and, above all, the differences between the dictionaries analysed in the above areas, and concludes with a brief subjective outlook on the future prospects of pronunciation dictionaries.

    Keywords: pronunciation dictionary, pronunciation codification, german pronunciation, english pronunciation, standard pronunciation, phonetic standard, pronunciation variants, phono-lexicography, digital lexicography, electronic lexicography


     

     

    1. Einleitung

    Im Zeitalter globalisierter Kommunikation und zunehmender Medialisierung stellen Aussprachewörterbücher nach wie vor ein zentrales Instrument zur Normierung und Standardisierung der Aussprache dar. Der vorliegende Beitrag widmet sich einer kritisch-vergleichenden Analyse gegenwärtig in Gebrauch befindlicher orthoepischer Nachschlagewerke des Deutschen und des Englischen. Hierbei werden zwei aktuellste Werke der deutschen Phonolexikographie, nämlich Deutsches Aussprachewörterbuch (2009) sowie DUDEN - Das Aussprachewörterbuch (Bd. 6 der DUDEN-Reihe, 2023), den drei führenden englischsprachigen Referenzwerken dieser Art in der jeweils jüngsten Ausgabe gegenübergestellt, und zwar dem CAMBRIDGE English Pronouncing Dictionary von Daniel Jones (2022), dem LONGMAN Pronunciation Dictionary von John Wells (2008) sowie dem OXFORD Dictionary of Pronunciation for Current English (2001/2003).

    Vier wesentliche Aspekte stehen im Mittelpunkt der untersuchung: Zum einen wird die jeweilige Auffassung des phonetischen Standards dargestellt, d. h. die Auffassung darüber, was unter Standardaussprache zu verstehen ist. Zum anderen wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Unterschied zwischen normativen Vorgaben und sprachlicher Realität im Sinne phonostilistischer bzw. phonopragmatischer Abweichungen von der Standardaussprache, respektive nationale bzw. regionale Aussprachevarianten, in den fraglichen Wörterbüchern berücksichtigt werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der grafischen Gestaltung, die nicht nur als visuelle Repräsentation phonetisch-phonologischer Informationen fungiert, sondern auch deren Zugänglichkeit und Verständlichkeit beeinflusst. Schließlich werden die multimedialen Komponenten der untersuchten Nachschlagewerke, etwa in Form digitaler Anwendungen und interaktiver Elemente, kritisch hinterfragt - ein Aspekt, der gerade im digitalen Zeitalter sehr stark an Bedeutung gewinnt.

    Das Ziel der vergleichenden Betrachtung ist, die Stärken und die Schwächen der einzelnen Werke im Kontext der aktuellen lexikographischen Praxis zu erörtern und Impulse für zukünftige Entwicklungen in der Darstellung und Vermittlung von Ausspracheinformationen zu geben. Durch die Gegenüberstellung deutscher und englischer Ansätze wird zudem ein interlingualer Diskurs angeregt, der zur Reflexion über universelle und sprachspezifische Herausforderungen in der phonetischen Standardisierung und Kodifizierung beiträgt.

     

    2. Gegenstand der Betrachtung. Genese, Ziel und Konstruktion der untersuchten Wörterbücher

    Gegenstand des Vergleichs sind im vorliegenden Beitrag - wie bereits erwähnt - insgesamt fünf (zwei deutsche und drei englische) Aussprachewörterbücher, die zum Teil unterschiedliche Traditionen und Ansätze repräsentieren, jeweils aber den aktuellsten Stand der wissenschaftlichen und phonodidaktischen Auseinandersetzung mit der Standardlautung des Deutschen und des Englischen widerspiegeln. Die zu untersuchenden deutschen Aussprachewörterbücher sind:

    - Deutsches Aussprachewörterbuch von Eva-Maria Krech, Eberhard Stock, Ursula Hirschfeld und Lutz Ch. Anders, erschienen im Jahr 2009 (nachstehend DAWB), und

    - DUDEN - Das Aussprachewörterbuch (Bd. 6 der DUDEN-Reihe), bearbeitet von Stefan Kleiner und Ralf Knöbl, in seiner jüngsten, aktualisierten 8. Ausgabe von 2023 (nachstehend DU-23).

    Die Vorgeschichte des einen wie des anderen Wörterbuchs ist mittlerweile recht lang, sie reicht in beiden Fällen bis in die 1960er Jahre zurück. Das DAWB knüpft an das Große Wörterbuch der deutschen Aussprache (GWDA) von 1982 an, das wiederum eine erweiterte Fassung des 1964 in der damaligen DDR zum ersten Mal herausgebrachten Wörterbuchs der deutschen Aussprache (WDA) darstellt. Wie im Einleitungsteil des DAWB ausdrücklich betont wird, verfolgt dieses Nachschlagewerk ähnliche Ziele wie das GWDA und es basiert auf denselben konzeptionellen wie methodologischen Ansätzen (vgl. DAWB: 15). Die Kontinuität des DUDEN-Aussprachewörterbuchs nicht nur zu seinem direkten Vorgänger, der ebenfalls von St. Kleiner und R. Knöbl stammenden siebten Auflage aus dem Jahr 2015, sondern auch zu allen früheren Ausgaben (in umgekehrt chronologischer Reihenfolge: von 2005, 2003, 2000, 1990, 1974 und 1962), bei denen Max Mangold die Federführung hatte, ist hingegen allein schon durch die redaktionelle Betreuung und den festen Platz des Wörterbuchs in der zwölfbändigen DUDEN-Reihe gewährleistet.

    Bei den Aussprachewörterbüchern des Englischen handelt es sich um die folgenden Werke:

    - CAMBRIDGE English Pronouncing Dictionary von Daniel Jones in seiner 18. Ausgabe von 2022 (nachstehend EPD),

    - LONGMAN Pronunciation Dictionary von John Wells in seiner 3. Ausgabe von 2008 (nachstehend LPD) und

    - OXFORD Dictionary of Pronunciation for Current English von Clive Upton, William A. Kretzschmar und Rafal Konopka, das zuerst als Hardcover-Ausgabe im Jahr 2001 und später als Paperback-Version im Jahr 2003 erschien (nachstehend ODP).

    Vor allem das erstgenannte Nachschlagewerk blickt auf eine lange Tradition zurück: Bereits 1917 war nämlich die erste Ausgabe von The Jones EPD" erschienen, während LONGMAN Pronunciation Dictionary 1990 erstmals herausgebracht wurde und OXFORD Dictionary of Pronunciation for Current English noch gut ein Jahrzehnt jünger ist. Nach der Erstausgabe Anfang der 2000er Jahre kam die zweite, aktualisierte Ausgabe 2017 unter dem Titel The Routledge Dictionary of Pronunciation for Current English (nachstehend RDP) mit Clive Upton und William A. Kretzschmar als Autorenteam auf den Markt.1

    Alle fünf Wörterbücher - d. h. sowohl die deutschen als auch die englischen - definieren ihren Empfängerkreis möglichst weit und nennen dabei explizit zwei verschiedene Zielgruppen, an die sie sich richten: die Mutter- oder Erstsprach-lerInnen einerseits und die NichtmuttersprachlerInnen, v. a. Sprachlernende, andererseits (vgl. DAWB: 4. Umschlagseite, DU-23: 11 f., EPD: iii, LPD: xvii, ODP: ix). Die Ersteren, darunter oft Personen, die von Berufs wegen an phonetischer Korrektheit interessiert sind,2 suchen meist Auskunft zur Aussprache von Fremdwörtern oder (fremdsprachigen) Eigennamen, ggf. auch zu möglichen Aussprachevarianten einheimischer Wörter; die Letzteren, für die die Sprache des jeweiligen Wörterbuchs eine Fremdsprache ist, benötigen dagegen vor allem Informationen zur Standardaussprache des darin kodifizierten heimischen (Kern-)Wortschatzes, seltener zu dessen Aussprachevarianten (vgl. DU-23: 11 f., LPD: xvii, ODP: ix).

    Das Größenverhältnis zwischen den beiden Zielgruppen dürfte sich allerdings für die deutschen und die englischen Wörterbücher unterschiedlich gestalten. Zieht man nämlich zum einen in Betracht, dass sich im Englischen die Aussprache von Wörtern in einem viel geringeren Maße aus deren Schreibung folgern lässt, als es im Deutschen der Fall ist, und zum anderen, dass die Anzahl von Menschen, die Englisch als Fremd- oder Zweitsprache verwenden, im Verhältnis zu der Anzahl der Muttersprachler sehr hoch ist und diese (anders als beim Deutschen) auch deutlich übersteigt, so liegt die Schlussfolgerung nahe, dass grundsätzlich nach einem deutschen Aussprachewörterbuch proportional weitaus weniger NichtmuttersprachlerInnen greifen als nach einem englischen.

    Ein Vergleich der Aussprachewörterbücher zeigt weiterhin, dass für das Deutsche und für das Englische z. T. unterschiedliche redaktionelle Ansätze verfolgt wurden, die sich allein schon im Umfang der Werke widerspiegeln. Bei den deutschen Wörterbüchern bewegt sich die Gesamtzahl von Seiten, Worteinträgen und angeführten Transkriptionen in einem recht engen Rahmen. So umfasst das DAWB 1.076 Seiten, etwa 130.000 Lemmata und insgesamt 150.000 Transkriptionen, während DU-23 mit seinen 944 Seiten rund 136.000 Stichwörter und 144.000 Transkriptionen auflistet.

    Bei den Wörterbüchern des Englischen ist das Bild differenzierter. Das EPD umfasst etwa 606 Seiten und enthält 80.000 Einträge mit insgesamt über 230.000 Transkriptionen. Im Vergleich dazu zeigt das LPD bei rund 920 Seiten eine deutlich höhere Anzahl von Stichwörtern (138.000) und etwas geringere Gesamtzahl an Transkriptionen, die sich auf ca. 225.000 beläuft. Auffällig ist jedoch vor allem das ODP bzw. das RDP mit entsprechend 1208 und fast 1600 Seiten. Bei ca. 100.000 Einträgen (und zusätzlich 2.000 Neueinträgen im Fall des RDP) werden hier ca. 300.000 Transkriptionen aufgeführt. Der signifikant größere Umfang der beiden Ausgaben im Vergleich zu EPD und LPD resultiert vor allem aus der konsequenten Aufnahme von zwei separaten Transkriptionen für das British English und das American English - auch dann, wenn beide Varianten identisch sind.

    Die Wortlisten der Wörterbücher, bei denen es sich nicht um die Erstausgabe handelt, also: DU-23, EPD und LPD, basieren naturgemäß auf den Wörterverzeichnissen der jeweiligen Vorgängerauflagen. In gewissem Maße betrifft dies auch das DAWB, das sich, wie oben erwähnt, in der Nachfolge des gut ein Vierteljahrhudert älteren GWDA sieht. Die Quellen des in die aktuellen Ausgaben neu aufgenommenen Wortmaterials sind in den deutschen Aussprachewörterbüchern direkter und auch übersichtlicher als in den englischen aufgelistet. DU-23 nennt in diesem Zusammenhang das Rechtschreib- und das Fremdwörterbuch aus dem Hause Duden (vgl. DU-23: 16), in DAWB ist die Quellenliste, da die Aktualisierung und vor allem Erweiterung des Wörterverzeichnisses in diesem Fall ein unvergleichlich größeres Ausmaß haben musste, wesentlich länger. Außer den beiden schon genannten Titeln umfasst sie eine Online-Datenbank der Universität Leipzig, ferner einige Universalwörterbücher und Wörterbücher für Deutsch als Fremdsprache, ein Neologismen- und ein Herkunftswörterbuch, ein rückläufiges Wörterbuch und noch einiges mehr (vgl. DAWB: 17 f.). Demgegenüber fällt die einschlägige Information des in der ersten Ausgabe erschienenen englischen ODP: [T]he headword list is tied closely to the lists of all the major dictionaries of Oxford University Press" (ODP: vii) eher spärlich aus.

    Die Transkription der Einträge im Wörterverzeichnis reflektiert prinzipiell die Aussprachevariante(n), die das jeweilige Wörterbuch seinen BenutzerInnen als standardgemäß empfiehlt (mehr dazu in Abschn. 3). Bei der Beurteilung und Auswahl der jeweils zu empfehlenden Aussprache werden von den WörterbuchautorInnen oft empirische Quellen analysiert, zu denen diverse Datenbanken, Aufnahmen von Sendungen der elektronischen Medien, im Internet verfügbare Audio- und Videoaufnahmen und nicht zuletzt selbst durchgeführte Akzeptanzuntersuchungen zu konkreten Aussprachevarianten gehören (zu den Letzteren s. Abschn. 4), wobei die Quellen auch in diesem Fall in den deutschen Wörterbüchern meist expliziter genannt werden als in den englischen (vgl. DAWB: 16, DU-23: 17, LPD: xviii). Wie es dem auch sei, lässt sich wohl das folgende Bekenntnis des EPD auch auf die übrigen Wörterbücher beziehen:

    Ultimately, however, the decisions about which pronunciation to recommend, which pronunciations have dropped out of use, and so on, have been based on the editors' intuitions as professional phoneticians and observers of the pronunciation [... ] over many years. The opinion of many colleagues and acquaintances has also been a valuable source of advice. (EPD: vi)

    Allen Wörterbüchern ist gemeinsam, dass der jeweiligen Wortliste ein mehr oder weniger informativer einführender Textteil (front matter) vorausgeht. Im Hinblick auf dessen Beschaffenheit divergieren die untersuchten Nachschlagewerke allerdings erheblich. Bei den Aussprachewörterbüchern des Deutschen fällt vor allem die enorme Ausführlichkeit der Darstellung auf: So umfasst der einführende Teil des DAWB beeindruckende 280 Seiten, was durchaus dem Umfang eines eigenständigen Phonetik-Lehrbuchs entsprechen dürfte. Im Vergleich dazu ist die Einführung im DU-23 mit ca. 150 Seiten zwar kürzer, aber immer noch sehr umfangreich und informativ. Beide Werke setzen damit auf eine intensive theoretisch-phonodidaktische Aufbereitung, die insbesondere für Studierende und Fachleute von hohem Wert ist. In beiden Fällen werden im einführenden Teil, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Anordnung, u. a. folgende Schwerpunkte behandelt:

    - Erklärungen zur Konstruktion des Wörterverzeichnisses bzw. Anleitung zu dessen Gebrauch,

    - Kriterien der Aufnahme von Wörtern ins Wörterverzeichnis; Behandlung von Flexionsformen und Wortbildungskonstruktionen,

    - die IPA-Transkription und deren jeweilige Handhabung,

    - phonologisch-phonetisches Grundwissen: Laut und Phonem, Phonemvarianten; Kriterien der Beschreibung von Vokalen und Konsonanten (distinktive Merkmale); Silbe und Silbengrenze,

    - die Standardaussprache, deren historische Entwicklung und aktuelles Verständnis; Variation in der Standardaussprache; im DAWB zusätzlich die Spezifik der (Standard-)Aussprache in Österreich und in der Deutschschweiz, jeweils in einem separaten Hauptkapitel des Einführungsteils erörtert,

    - Einzelbeschreibungen der (Standard-)Artikulation sämtlicher Vokale und Konsonanten mit entsprechenden Grafiken des Ansatzrohres,

    - Informationen zur Phonem-Graphem-Zuordnung und zur Distribution einzelner Vokale und Konsonanten,

    - Aussprachehinweise zu ausgewählten Fremdsprachen.

    Somit ermöglichen also die deutschen Aussprachewörterbücher mit ihrem jeweiligen Textteil als einem lehrbuchartigen Werk eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Schlüsselfragen der Phonetik und Phonologie.

    Im Gegensatz dazu setzen die Aussprachewörterbücher des Englischen auf ein schlankes und pragmatisches Konzept, das vor allem dem schnellen Zugriff auf phonologisch-phonetisches Grundwissen und praktische Transkriptionsregeln dienen soll. Der einführende Textteil ist hier in jedem Wörterbuch vergleichbar lang (bzw. vergleichbar kurz) und umfasst nur ca. 20 Seiten. Folgende Schwerpunkte werden darin behandelt:

    - Erklärungen zum Aufbau des Wörterverzeichnisses,

    - Informationen zu den Aussprachemodellen bzw. -varianten, die der Kodifizierung zugrunde liegen und im jeweiligen Wörterbuch berücksichtigt werden,

    - grundlegende Informationen zur Aussprache von Vokalen, Diphthongen und Konsonanten, zur Wortakzentuierung, zu Assimilationen und Elisionen, Silben und Silbentrennung,

    - Hinweise zur Aussprache von fremdsprachigen Lauten,

    - die IPA-Transkription und deren jeweilige Handhabung.

    Die 18. Ausgabe des EPD enthält zusätzlich eine Sammlung von sechs kurzen Aufsätzen zu unterschiedlichen phonetischen Einzelfragen (zusammengefasst unter der Überschrift The World of Pronunciation), die von führenden ExpertInnen im Bereich der Phonetik verfasst wurden. Es handelt sich dabei um folgende Beiträge: Pronunciation in Spontaneous Speech von Richard Cauldwell, Pronunciation for English as a Lingua Franca von Jennifer Jenkins, The Daniel Jones Legacy von Jack Windsor Lewis, Teaching and Learning Pronunciation von Jonathan Marks, The BBC, Its Pronunciation Unit, and 'BBC English' von Catherine Sangster sowie Shortcuts in Casual English Pronunciation von Linda Shockey.

     

    3. Die Auffassung des phonetischen Standards, oder wessen Aussprache kodifiziert wird

    In den Aussprachewörterbüchern des Deutschen, DAWB und DU-23, beruht die Auffassung des phonetischen Standards auf einem vielschichtigen Konzept, das einerseits die normativen und regulativen Funktionen der Standardaussprache berücksichtigt, andererseits aber auch ihrer Realitätsnähe und innerer Differenziertheit Rechnung trägt.

    In diesem Punkt verfolgen die beiden Wörterbücher zum Teil unterschiedliche Ansätze. So wird in DAWB die Standardaussprache bereits zu Beginn des Einführungsteils als die mündliche Form der Standardvarietät in der Bundesrepublik Deutschland" definiert, die in geografischer und sozialer Hinsicht über eine weite Geltung [verfügt] und [...] insbesondere durch die elektronischen Medien verbreitet [wird]" (6). Die Standardaussprache sei demnach

    - dialektneutral, d. h. sie verzichte bewusst auf mundartliche oder regional gefärbte umgangssprachliche Varianten, sodass sie in allen sozialen Gruppen und von allen MuttersprachlerInnen überregional verstanden werden könne;

    - in offiziellen, öffentlichen Situationen bevorzugt zu verwenden;

    - durch unterschiedliche Grade der Artikulationspräzision charakterisiert, was bedeute, dass ihre Anwendung auch außerhalb öffentlicher Kontexte möglich sei;

    - kodifiziert und erfülle damit eine normative bzw. regulative Funktion; dabei variiere der Grad ihrer Verbindlichkeit, die wohlgemerkt in erster Linie für die soziale Gruppe der BerufssprecherInnen gelte (ebd. 7).

    Das DU-23 erweitert noch diese Perspektive, indem es zwar den überregionalen Charakter der Standardaussprache unterstreicht, zugleich aber Raum für Varianten zulässt, die im deutschsprachigen Gebiet nur (sub-)national oder großregional verbreitet sind. Trotz ihrer Normativität orientiert sich die so verstandene Standardaussprache eng an der tatsächlichen Sprechwirklichkeit und berücksichtigt neben der als überregional geltenden Aussprache geschulter BerufssprecherInnen auch die in der Bevölkerung üblichen Aussprachevarianten.

    Somit wird der Standardaussprache auch das Merkmal der inneren Differenziertheit bzw. Variabilität zugeschrieben. Sie zeigt sich darin, dass die in der Bevölkerung tatsächlich verwendete Standardaussprache, selbst in formellen Situationen, in unterschiedlichem Ausmaß von der überregionalen Norm abweicht.

    In DAWB werden dagegen, was die innere Differenziertheit bzw. Variabilität angeht, drei konkrete phonostilistische Ebenen der Standardaussprache, die sog. Grade der Artikulationspräzision (vgl. 99 ff.), unterschieden:

    (1) hohe bis mittlere Artikulationspräzision (v. a. beim reproduzierenden Sprechen wie Vorlesen von Nachrichten im Radio und Fernsehen);

    (2) sehr hohe Artikulationspräzision (v. a. beim reproduzierenden Sprechen wie z. B. einem feierlichen Vortrag);

    (3) verminderte Artikulationspräzision (v. a. beim freien Sprechen, z. B. bei öffentlich geführten Gesprächen im Radio und Fernsehen).

    Als Kodifizierungsgrundlage wird dabei die unter (1) genannte hohe bis mittlere Sprechspannung und Artikulationspräzision gesetzt. Diese Wahl ist übrigens als eine klare Prioritätenverschiebung im Verhältnis zu früheren Aussprachewörterbüchern, etwa dem Großen Wörterbuch der deutschen Aussprache (1982), zu bewerten, in dem die sehr hohe Artikulationspräzision die zentrale Bezugsebene war, und findet nun zwangsläufig sowohl bei der Formulierung der Ausspracheregeln im Einführungsteil des Wörterbuchs als auch bei den Ausspracheangaben im Wörterverzeichnis ihren Niederschlag.

    In dieser Frage gehen die Autoren des DU-23 teilweise einen anderen Weg. Sie vertreten die Auffassung, dass es für eine möglichst realitätsnahe Dokumentation der deutschen Aussprache unerlässlich sei, den Kreis der als kodifikationsrelevant angesehenen Situationen und SprecherInnen zu erweitern. So seien Sprachformen, die von Millionen deutschen MuttersprachlerInnen in formellen Sprechsituationen - etwa im schulischen Kontext, sowohl von Lehrkräften als auch von SchülerInnen - verwendet und als situationsangemessen eingestuft werden, als standardsprachlich im Sinne eines ,Gebrauchsstandards' zu werten. Dabei wird direkt auf das im englischsprachigen Raum bereits etablierte Konzept Bezug genommen, den Sprachgebrauch der educated speakers als Basis für standard-sprachliche Aussprachewörterbücher und Grammatiken zu nutzen (vgl. DU-23: 30 f.). Diese Vorgehensweise betrachten die Autoren auch für das Deutsche als einen zeitgemäßen Schritt zu einem erweiterten und damit realitäts- und gebrauchsnäheren Standardsprachkonzept" (ebd. 31).

    Offensichtlich ist ihnen daran gelegen, ein möglichst differenziertes Bild der deutschen Aussprache in formellen Kontexten zu zeichnen. Anders als in DAWB wird hierbei auf eine hierarchische phonostilistische Registeraufspaltung verzichtet. Stattdessen bietet DU-23 in einem speziellen Kapitel einen kompakten und dennoch recht informativen Überblick über relevante Varianten und Variationsphänomene innerhalb der Standardaussprache; alles in allem werden etwa vierzig solcher Erscheinungen auf dem Gebiet der Vokale, Konsonanten und der Realisation von Nebensilben diskutiert. Darüber hinaus sind im Wörterverzeichnis bei einer Reihe von Lemmata auch regional gebräuchliche Aussprachevarianten mit entsprechender Angabe (wie österr., Schweiz., nordd., vorw. nordd. oder bes. nordd., südwestd. etc.) aufgeführt, eine Lösung, die als recht funktional zu bewerten ist und die man in DAWB, das bei einheimischen Wörtern prinzipiell nur eine Transkription angibt, gänzlich vermisst.3

    Was nun die Wörterbücher der englischen Aussprache angeht, so fokussieren sie sich traditionell in erster Linie auf das britische Englisch. Dabei galt jahrzehntelang die Aussprache der britischen bzw. südenglischen Elite der öffentlichen Schulen (Public School Pronunciation), später die sog. RP, Received Pronunciation, als Modell, auf das sich die orthoepischen Nachschlagewerke bei der Kodifizierung der Aussprache stützten.

    In ihrer ursprünglichen Form war die RP eine Art Standard, dem die Aussprache gebildeter SprecherInnen in London und den sog. Home Counties zugrunde lag. Ihr Gebrauch war jedoch nicht auf diese Region beschränkt, sondern war im neunzehnten Jahrhundert für die Sprache der Oberschicht im ganzen Land charakteristisch. In England und in Wales gilt die RP weiterhin als Mustermodell für die korrekte Aussprache, insbesondere in der formalen Sprache der gebildeten SprecherInnen (vgl. EPD: v).

    Allerdings sind sich die Autoren aller drei aktuellen Aussprachewörterbücher des Englischen einig, dass solch eine konservative Auffassung der RP heutzutage kaum noch haltbar ist. In EPD wird daher programmatisch vorgeschlagen: The time has come to abandon the archaic name Received Pronunciation" (ebd.). Stattdessen wird eine modernisierte RP-Variante (a modernized version of RP"), ein breiter angelegtes und leichter zugängliches Aussprachemodell für das britische Englisch vorgeschlagen. In EPD und LPD wird dieses Aussprachemodell als BBC English bezeichnet (vgl. EPD: v; LPD: xix).

    [T]his is the pronunciation of professional speakers employed by the BBC as newsreaders and announcers on BBC1 and BBC2 television, the World Service and BBC Radio 3 and 4, as well as many commercial broadcasting organisations such as ITN. (EPD: v)

    Es wird als ein wichtiges Merkmal der modernen RP betont, dass die Sprache der BBC-SprecherInnen von den meisten Menschen nicht mit der hohen sozialen Gesellschaftsschicht und mit Privilegien assoziiert wird, wie dies in der Vergangenheit bei der PSP (Public School Pronunciation) und der RP der Fall war (vgl. ebd.). Darüber hinaus wird hervorgehoben, dass die moderne RP überregional ist, d. h. nicht an eine bestimmte Stadt oder Region gebunden.

    Das ODP geht diesbezüglich zum Teil seinen eigenen Weg und unterscheidet zwischen marked und mainstream/unmarked RP. Die marked RP ist demnach eine Aussprachevariante, die, wenn sie von den meisten britischen MuttersprachlerInnen gehört wird, dazu führt, dass der Benutzer oder die Benutzerin als altmodisch, affektiert oder prätentiös eingestuft wird; sie wird mit einer kleinen Gruppe älterer SprecherInnen der Mittel- und Oberschicht assoziiert, die eine enge Verbindung zum Südosten Englands haben. Währenddessen ist die mainstream/unmarked RP eine Aussprachevariante, die mit Ausbildung und Kultiviertheit/Eleganz assoziiert wird, dabei keine besonderen regionalen Untertöne enthält und keine negativen Bewertungen evoziert. Sie wird von den meisten nationalen Radio- und FernsehnachrichtensprecherInnen, von Menschen mittleren Alters und jüngeren Berufstätigen verwendet (broadcast RP"). Die unmarked RP ist überregional und nicht an eine bestimmte soziale Schicht gebunden. Es ist die Aussprache eines breiten Spektrums von MuttersprachlerInnen aus vielen Teilen des Landes, die einen sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergrund (aber ein eher überdurchschnittliches Bildungsniveau) aufweisen (vgl. ODP: xii). Die unmarked RP bildet in ODP die Kodifizierungsgrundlage und entspricht im Allgemeinen der in den zwei anderen Aussprachewörterbüchern beschriebenen modernen RP.4

    Was nun die amerikanische Aussprache betrifft, so wird sie in allen drei Wörterbüchern mehr oder weniger explizit zu der als General American bekannten Sprachvarietät in Verbindung gesetzt, die von der Mehrheit der AmerikanerInnen gesprochen wird, genauer: von denjenigen, die keinen auffälligen östlichen oder südlichen Akzent haben. Das General American ist normalerweise bei professionellen SprecherInnen in nationalen Nachrichten- und Informationssendungen zu hören (vgl. LPD: xx; EPD: v-vi).

    In EPD und in ODP wird des Weiteren darauf hingewiesen, dass keine einzige Varietät - ob regional oder sozial - als amerikanischer Standard herausgehoben wurde (vgl. EPD: vi; ODP: xiv). So gibt es selbst in den nationalen Medien mit professionell ausgebildeten SprecherInnen auch solche mit regional gefärbter Aussprache. Dennoch könne nach Auffassung des EPD dieses mediale Network English" in seiner farblosesten Form schon als eine relativ homogene Variante der gesprochenen Sprache (im Orig. dialect") beschrieben werden, welche die fortschreitende Entwicklung der amerikanischen Dialekte widerspiegele. Darauf Bezug nehmend erklären die EPD-Autoren, in ihrem Wörterverzeichnis die Vielfalt der Aussprachevarianten mit dem geringsten Maß an regionaler oder sozialer Markierung auflisten zu wollen, while stül being sensitive to the traits of the individual word" (EPD: vi).

    Regionale Varianten, und zwar sowohl für das britische als auch für das amerikanische Englisch, werden in keinem der analysierten englischen Wörterbücher aufgeführt. In EPD und in ODP wird darauf explizit hingewiesen, in dem Letzteren mit folgender Begründung:

    It would of course be both impracticable and confusing to attempt to present transcriptions for even a fraction of the variety of regional and social accents which characterize British and American English. For both pragmatic and pedagogic reasons model accents have to be sought, transcriptions of which may be generally accepted as embodying the major elements of the pronunciation-types under consideration. (ODP: xix)

    Mit praktischen Gründen wird auch von den Autoren des EPD argumentiert, wobei sie eher den enormen Arbeitsaufwand in den Vordergrund stellen, den die Aufnahme von regionalen Aussprachevarianten ins Wörterbuch erfordern würde:

    A pronouncing dictionary that systematically presented the pronunciations of a range of regional accents would be very valuable, but it would be very much bigger than the present volume and the job of ensuring an adequate coverage which treated all accents as equally important would have taken many years. (EPD: vi)

    Die (Nicht-)Berücksichtigung von regional verbreiteten Spielarten der jeweiligen Aussprache ist als einer der markantesten Unterschiede zwischen den beiden deutschen und den drei englischen Wörterbüchern anzusehen, die hier Gegenstand des Vergleichs sind. Zieht man jedoch in Betracht, dass Deutsch hauptsächlich in drei Ländern mit insgesamt etwa 100 Millionen Einwohnern gesprochen wird, Englisch dagegen außer in Großbritannien und den USA auch in Irland, Kanada, Australien, Neuseeland sowie in einigen weiteren Dutzend Ländern der Welt als Mutter- und/oder Amtssprache in Gebrauch ist, so muss der Anspruch, die gesamte Vielfalt von gegenwärtig vorkommenden Aussprachevarianten des Englischen zu erfassen, in der Tat als recht unrealistisch bewertet werden.

     

    4. Grafische Gestaltung und multimediale Komponenten

    4.1 Grafische Gestaltung

    Die hier untersuchten Aussprachewörterbücher sowohl des Deutschen als auch des Englischen sind im Vergleich zu den Wörterbüchern früherer Generationen durchaus fortschrittliche Nachschlagewerke, die durch eine klare, benutzerfreundliche und didaktisch orientierte grafische Gestaltung auffallen und neuartige, multimediale Komponenten - dem digitalen Zeitalter entsprechend - enthalten. Bis auf das ODP setzen alle Werke in ihrem jeweiligen Wörterverzeichnis visuell hervorstechende Informationskästen ein, in denen das phonetisch-phonologische Grundwissen vermittelt und auf die jeweiligen Aussprachekonventionen bzw. -besonderheiten aufmerksam gemacht wird.

    In den beiden Aussprachewörterbüchern des Deutschen werden dabei ähnliche gestalterische Lösungen verwendet. Im Wörterverzeichnis des DAWB und des DU-23 finden sich nämlich ca. 190 bzw. knapp 180 farbige Infokästen (vgl. Abb. 1), die jeweils an das direkt vorausgehende Stichwort anknüpfen, auf Aussprachebesonderheiten oder -schwierigkeiten hinweisen und - wie in der Anleitung von DAWB versprochen - Anregungen zur produktiven Erschließung weiterer Ausspracheformen durch den Nutzer" (279) liefern.

     

     

    In Wirklichkeit ist aber die Anzahl der Infokästen in DAWB wesentlich geringer, da viele davon, mitunter mit leichten Anpassungen, mehrfach wiederholt werden. So kommen beispielsweise die beiden Sonderregeln: (1) dass [h] im Silbenanlaut vor dem Schwa-Laut und vor den Suffixen -en, -er, -ig, -ung nicht gesprochen wird, und (2) dass das Graphem e der Endung -ie in den Fremdwörtern, in denen diese Endung als [i:] zu realisieren ist, im Singular zwar nur als Dehnungszeichen fungiert, im Plural aber schon als Schwa-[9] gesprochen werden muss, insgesamt je ca. zwanzigmal vor. Eine Reihe weiterer Informationen, etwa zu Stimmlosigkeitsassimilation von Konsonanten, Konsonantengemination an Silben- und Wortgrenzen, Frikatisierung von [t] vor einem unsilbischen i-Laut, unsilbischer Realisation bestimmter Vokale in manchen Fremdwörtern, auch zu Auslautverhärtung sowie vokalischer Realisation des Suffixes -er, die bei einer Silbengrenzverschiebung (z. B. infolge weiterer Suffigierungen) zur konsonantischen Realisation wechseln kann, wird über zehnmal wiederholt.

    Die Informationsmodule des DU-23 wirken zwar auf den ersten Bück ähnlich wie jene des DAWB, unterscheiden sich jedoch von ihnen grundlegend in ihrer Struktur und dem vermittelten Inhalt. Sie werden auch jeweils nur einmal eingesetzt; im Gegensatz zu DAWB gibt es also keine Wiederholungen. Rund 86 von insgesamt 177 Infokästen präsentieren prozentuale Ergebnisse einer Online-Umfrage zur Akzeptanz alternativer Aussprachevarianten ausgewählter Wortformen, bei der Angemessenheitsurteile von 573 Probanden aus verschiedenen Regionen Deutschlands, Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz berücksichtigt wurden. Dabei beziehen sich die meisten dieser Statistiken auf die Aussprache von konkreten Fremd- und Lehnwörtern, und gut ein Drittel davon thematisiert Schwankungen des Wortakzents (vgl. Abb. 2).

     

     

    Bei den wenigen einheimischen Wörtern, deren Aussprachepräferenzen statistisch erhoben wurden, lag der Fokus der Untersuchung vor allem auf der Wahl zwischen einem langen gespannten und einem kurzen ungespannten Vokal (wie bei Nische, Walnuss und einigen weiteren) bzw. auf der rein qualitativen [ε:]/[e:]-Schwankung (wie bei Mädchen), und lediglich in einem Fall handelte es sich um den variablen Wortakzent (liebkosen).

    Die übrigen Infokästen, die keine statistischen Daten enthalten, liefern jeweils einen Kommentar zur Wortaussprache, der aber im Unterschied zu DAWB nur vereinzelt präskriptiven Charakter hat; in den meisten Fällen werden Aussprachevarianten kurz diskutiert und problematisiert, und sehr oft wird auch hier auf konkrete regionale Differenzen hingewiesen.5

    Was nun die Aussprachewörterbücher des Englischen angeht, so bieten zwei von ihnen, EPD und LPD, ähnliche gestalterische Lösungen. In ihrem jeweiligen Wörterverzeichnis sind nämlich auch farbige Infokästen, die sog. information panels, verstreut.

    Da die Korrespondenz zwischen Graphie und Aussprache im Englischen sehr oft inkonsistent ist und die Schreibung eines Wortes häufig keinen eindeutigen Hinweis darauf gibt, wie dieses auszusprechen ist, werden sowohl in LPD als auch in EPD zunächst die sog. Pronouncing-the-letter- bzw. Spelling-to-sound-Informationsmodule verwendet. Sie sind jeweils der Liste von Einträgen vorangestellt, die mit dem betreffenden Buchstaben des Alphabets beginnen. Der Einsatz gerade solcher Module wird von den Autoren des LPD wie folgt begründet:

    English spelling is notorious for its shortcomings. Knowing the orthography of a word does not enable one to predict its pronunciation with any confidence. Nevertheless, certain general principles do govern the relationship between spelling and sound (grapheme and phoneme), even though they may be subject to exceptions and uncertainties. Although many handbooks of English pronunciation ignore them entirely, on the implicit grounds that these rules are so chaotic that it is better to learn the pronunciation of each new word separately, it nevertheless seemed helpful for LPD to offer the user something rather than nothing. (LPD: xviii)

    Dementsprechend werden zu jedem Graphem bzw. einer Graphemkombination präzise Ausspracheregeln oder klare Hinweise gegeben, wie diese in unterschiedlicher lautlicher Umgebung auszusprechen sind. Dabei wird in jedem Fall auf sämtliche Unregelmäßigkeiten und etwaige Ausnahmen hingewiesen.

    Obwohl die fraglichen Infokästen der beiden Wörterbücher ähnlich aussehen und ähnliche Inhalte vermitteln, sind sie teilweise unterschiedlich aufgebaut. Während in LPD die entsprechenden Grapheme und ihre möglichen Kombinationen samt Ausspracheunregelmäßigkeiten bzw. -ausnahmen in einem Modul behandelt werden, sind diese Inhalte in EPD in separaten Infokästen untergebracht. So findet man in EPD direkt unter A das Modul Pronouncing the letter A (s. Abb. 3), auf den folgenden Seiten kommen aber noch vier weitere Module zu verschiedenen Graphemkombinationen, nämlich Pronouncing the letters AE, Pronouncing the letters AEO, Pronouncing the letters AI, AY und Pronouncing the letters AU, AW. Dies hat zwei Folgen: Da in LPD sämtliche Ausspracheregeln zu einem Graphem bzw. dessen Kombinationen in nur einem Infokasten zusammengestellt sind, fallen manche dieser Infokästen recht umfangreich aus (siehe z. B. O Spelling-to-sound oder S Spelling-to-sound). Im Gegensatz dazu haben die Informationsmodule in EPD - da sie bestimmte Einzelfragen in separaten Modulen behandeln - zwar einen geringeren Umfang, dafür sind sie aber teilweise informativer: Zum einen werden in (fast) jedem Modul Angaben zur amerikanischen Aussprache gemacht und zum anderen werden in den Abschnitten In addition und In weak syllables zusätzliche Aussprachevarianten diskutiert. Die Anzahl von Infokästen dieser Art variiert demensprechend von 26 in LPD bis insgesamt 69 in EPD.

     

     

    Das phonetisch-phonologische Wissen wird in LPD in rund 40 sogenannten Language Panels vermittelt (vgl. Abb. 4). Die behandelten Themen reichen von der Definierung phonetisch-phonologischer Grundbegriffe wie z. B. Phonem und Allophon, Diphthong, Affrikate, Geminate, über die Beschreibung phonetischer Einzelfragen wie Aspiration, Assimilation, Elision, Glottisschlag, bis hin zu suprasegmentalen Erscheinungen wie Akzentuierung. Einige wenige Module behandeln Schwerpunkte wie australisches Englisch oder die Aussprache von Sonderzeichen, die in E-Mails oder auf Webseiten verwendet werden, wie @, #, /. Der Übersichtlichkeit halber sind alle Language Panels in einem Verzeichnis mit dem Titel Index to notes on pronunciation and phonetics mit Seitenangabe aufgelistet, das sich im einleitenden Teil des Wörterbuchs befindet.

     

     

    Ähnlich wie in dem deutschen Aussprachewörterbuch DU-23 sind auch in LPD Infokästen mit Statistiken vorhanden (vgl. Abb. 5). Sie bringen prozentuale Ergebnisse von fünf Meinungsumfragen, den sogenannten opinion polls (aus den Jahren 1988, 1993, 1998, 1999-2002 und 2007), zu Präferenzen in Bezug auf bestimmte Aussprachevarianten ausgewählter Wörter. Für Einzelheiten zu den Umfragen sowie dazu, welche Wörter in welcher Umfrage enthalten waren, wird auf die Website des Autors verwiesen (vgl. LPD: xviii).

     

     

    EPD hingegen verzichtet in seiner aktuellen, 18. Auflage auf die Infokästen zu den phonetisch-phonologischen Grundfragen. Stattdessen wird am Ende des Wörterverzeichnisses ein Glossar mit der einschlägigen Terminologie angeboten. Darüber hinaus finden sich in EPD über das gesamte Wörterverzeichnis verstreut Verwendungshinweise, sogenannte usage notes (vgl. Abb. 6). In den meisten Fällen werden hier kurz Aussprachevarianten diskutiert oder auch komplexere Ausspracheregeln erläutert (vgl. EPD: vii).

     

     

    Das dritte der behandelten englischen Aussprachewörterbücher: ODP, das, wie bereits in Abschn. 2 erwähnt, als einziges in seinem Wörterverzeichnis für jedes Lemma sowohl britische als auch amerikanische (mitunter gleich lautende) Aussprachevarianten aufführt, geht auch bei der grafischen Gestaltung seinen eigenen Weg. Das Layout des gesamten Wörterbuchs ist so klar und einfach wie möglich gehalten, es gibt darin weder Grafiken noch Informationsmodule, und die laufende Wortliste wird durch keine Sonderelemente unterbrochen.

    4.2 Multimediale Komponenten

    Mit der Integration der unter 4.1 beschriebenen Informationsmodule in das Wörterverzeichnis der untersuchten Aussprachewörterbücher des Deutschen und des Englischen wurde ein grafisches Mittel eingesetzt, das nicht nur zusätzliche Informationen zur Aussprache vermittelt, sondern auch die visuelle Monotonie einer herkömmlichen Wortliste auflockert. Darüber hinaus bieten aber die Wörterbücher noch einige weitere innovative medientechnische Funktionen, darunter Audiomaterial, was bei diesem Wörterbuchtyp von besonderem Interesse und hoher Relevanz für die BenutzerInnen ist.

    So ist DAWB mit einer Audio-DVD ausgestattet, auf der die standardisierte (bundesdeutsche) Aussprache ausgewählter Wortbeispiele aus dem Einführungsteil präsentiert wird. Sie enthält insgesamt 98 Audiodateien im wav-Format. Im Wörterbuch selbst sind die Abschnitte, für die Audiodateien zur Verfügung stehen, deutlich gekennzeichnet und durchnummeriert. Die Entscheidung der AutorInnen, insgesamt ca. 2.000 Worteinheiten und Wortgruppenlexeme aus dem Textteil für die Vertonung auszuwählen, ist wohldurchdacht, denn gerade diese Beispiele illustrieren in den einführenden Kapiteln verschiedene Ausspracheregeln und besitzen somit einen hohen Verallgemeinerungs- bzw. Analogiewert.

    Darüber hinaus ist die gesamte Druckausgabe des DAWB auch als E-Book im PDF-Format verfügbar, sodass es ebenso gut auf einem PC oder anderen elektronischen Geräten genutzt und leicht durchsucht werden kann. In einem engen Zusammenhang mit dem Wörterbuch steht die online zugängliche Deutsche Aussprachedatenbank (DAD), die auf dem Wörterverzeichnis des DAWB basiert und dieses durch Ergänzungen, Erweiterungen und Korrekturen weiterführt. Nach Angaben der Projektbetreibenden soll zudem eine (synthetische) Vertonung der in der DAD enthaltenen Stichwörter geplant sein.6

    Demgegenüber ist das DUDEN-Aussprachewörterbuch nicht nur als Hardcover-Buch und PDF-Datei, sondern auch - wie schon die Vorgängerausgabe von 2015 - als eine richtige Software (Desktop-App) erhältlich, die von der Homepage des Verlages im Rahmen der sog. Duden-Bibliothek gegen entsprechendes Entgelt heruntergeladen werden kann.7

    Die aktuelle, 8. Auflage wurde nach Angaben des Verlags um über 4.000 Stichwörter erweitert und enthält somit 144.000 Aussprachen zu Wörtern und Eigennamen, einschließlich der im Deutschen gebräuchlichen Fremdwörter und fremdsprachigen Namen. Alle Stichwörter wurden vertont und die Audios stehen als Download zur Verfügung, wobei die Vertonungen nur beim Kauf der Printausgabe oder der Software verfügbar sind. Da die neue Auflage erst seit Oktober 2023 auf dem Markt ist, muss noch mit gewissen technischen Unzulänglichkeiten gerechnet werden; darauf wird auch auf der Webseite des Verlages direkt hingewiesen. Einige Audiodateien sind nämlich noch nicht verfügbar, sie sind in der Datenbank mit einem grauen Lautsprechersymbol gekennzeichnet.8 Auf jeden Fall ist aber die Bereitstellung von Audios zu allen Einträgen des Wörterbuchs als ein großer Fortschritt im Vergleich zu der Vorgängerauflage zu werten, da jene insgesamt nur 13.000 Vertonungen enthält, was knapp 10 % aller Stichwörter ausmacht.

    Von den drei englischen Aussprachewörterbüchern bieten zwei, nämlich EPD und LPD, neben der gedruckten Buchausgabe zusätzlich Audiodateien auf einer CD-/DVD-ROM an.9 In beiden Fällen enthält die CD-/DVD-ROM die Vertonung jedes Wörterbucheintrags jeweils in zwei nationalen Aussprachevarianten, das heißt in britischem und amerikanischem Englisch. Beide CD-/DVD-ROMs bieten außerdem interaktive Suchfunktionen, mit denen die Einträge nach verschiedenen Kriterien durchsucht werden können. So kann man z. B. die Wortliste nach bestimmten Lauten oder Lautsequenzen filtern, um gezielt ähnliche Wörter oder Minimalpaare ausfindig zu machen. In LPD erscheinen in der Registerkarte Longman Pronunciation Guide wiederholt sämtliche Spelling-to-sound-Informationsmodule sowie die Module zur phonetisch-phonologischen Terminologie. Auch die Preference Polls werden erneut angeboten, diesmal in digitaler Form.

    Was die beiden Werke von den Aussprachewörterbüchern des Deutschen stärker unterscheidet, sind interaktive Übungsmodule verschiedener Art (s. Abb. 7 u. 8), die es u. a. ermöglichen, die eigene Aussprache aufzuzeichnen und sie mit der zugänglichen modellhaften britischen oder amerikanischen (Standard-)Aus-sprache zu vergleichen. Dies ist eine technische Lösung, die es in den deutschen Wörterbüchern nicht gibt. Und was die engüschen Aussprachewörterbücher für ihre BenutzerInnen noch interessanter macht, ist die Möglichkeit, in Hunderten von interaktiven Übungen die phonetische Lautschrift, die Perzeption und die Identifikation von Lauten und Lautkombinationen sowie die Laut-GraphemKorrespondenz zu trainieren. Bei LPD ist es darüber hinaus möglich, Handouts mit Übungen aus dem Teachers' Resource Centre auszudrucken.

     

     

     

     

    Im Jahr 2015 wurde auch eine digitale Version der 18. Ausgabe des EPD veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine App, die für das iPhone und das iPad von Apple verfügbar ist und über den Apple Store vertrieben wird. Eine Android-Version erschien dann zwei Jahre später.

    Das einzige der drei untersuchten Aussprachewörterbücher des Englischen, das kein Begleitmedium in Form einer CD-/DVD-ROM mitliefert, ist das ODP. Andererseits ist es aber auch das einzige, das in seiner zweiten Ausgabe von 2017 (The Routledge Dictionary of Pronunciation for Current English, RDP) zugleich als E-Book erhältlich ist.

     

    5. Zusammenfassung und Ausblick

    Die untersuchten Aussprachewörterbücher des Deutschen und des Englischen sind ausgereifte Nachschlagewerke, die nicht nur durch ihren Umfang, sondern mehrheitlich auch durch ihre grafische Gestaltung und ihre multimedialen Komponenten überzeugen.

    Die festgestellten erheblichen Unterschiede im Umfang des einführenden Textteils (front matter) zwischen den Aussprachewörterbüchern des Deutschen und denen des Englischen reflektieren zum Teil unterschiedliche redaktionelle Ansätze. Während die Einführungskapitel der deutschen Wörterbücher - mit insgesamt 150 bis 280 Seiten - als quasi-lehrbuchartige Werke eine vertiefte Auseinandersetzung mit den phonetisch-phonologischen Fragen ermöglichen, liegt bei den Aussprachewörterbüchern des Englischen der Fokus stärker auf der direkten Anwendung und dem schnellen Nachschlagen, während die theoretische Fundierung eine geringere Priorität hat. Auch scheint in den englischen Wörterbüchern weniger Wert darauf gelegt zu werden, den BenutzerInnen genauere erstellungstechnische Hintergrundinformationen, etwa über die Zusammenstellung des Wörterverzeichnisses oder empirische Quellen für die zu transkribierenden Aussprachevarianten, in dem jeweiligen Einführungsteil zu bieten.

    Gemeinsam ist dafür allen untersuchten Werken, dass sie - abgesehen von der einzelsprachlich bedingten Spezifik - den (ortho)phonetischen Standard im Vergleich zu den jeweils früheren Ansätzen weniger elitär, also deutlich breiter und damit auch realitätsnäher definieren. Sollte hier dennoch unter diesem Gesichtspunkt hierarchisiert werden, so lässt sich wohl am ehesten das DAWB hervorheben, und zwar als etwas konservativer als die übrigen Wörterbücher, da es die Standardaussprache ausdrücklich in erster Linie mit offiziellen Kommunikationssituationen in Verbindung setzt und den präskriptiven bzw. regulativen Charakter seiner Transkriptionen stärker betont (Abschn. 3).

    In unterschiedlichem Ausmaß bzw. mit unterschiedlicher Tiefgründigkeit wird in den fraglichen deutschen und englischen Wörterbüchern der Differenziertheit der jeweiligen Aussprache, darunter vor allem ihrer regionalen Variation Beachtung geschenkt. Dass die Aussprachewörterbücher des Englischen auf die Darstellung von regional oder gar großregional verwendeten Aussprachevarianten weitgehend verzichten, lässt sich jedoch, wie im Obigen (Abschn. 3) erörtert, durch die außerordentlich große Ausbreitung und Vielfältigkeit der englischen Sprache durchaus plausibel erklären.

    Bezüglich der grafischen Gestaltung ist vor allem festzuhalten, dass gleich vier der fünf untersuchten Wörterbücher in ihrem jeweiligen Wörterverzeichnis die sog. Infokästen (information panels) mit diversen Inhalten einsetzen, die visuell attraktiv wirken und allesamt nützliche Ergänzungsinformationen bringen. Als Einziges fällt hierbei das ODP (auch in der jüngeren Routledge-Ausgabe, RDP, von 2017) aus dem Rahmen, da es sowohl in seinem Einführungsteil als auch in der Wortliste auf jegliche grafische Mittel verzichtet und überhaupt ein sehr traditionelles Erscheinungsbild bietet, das aus der heutigen Sicht schon recht spartanisch wirkt.

    Ein entscheidender Aspekt bei der Erstellung und Analyse von Aussprachewörterbüchern ist heutzutage die fortschreitende technologische Entwicklung, die die Lexikographie zunehmend in digitale Formate überführt. Mit Ausnahme des ODP/RDP, das auch in dieser Hinsicht den übrigen Wörterbüchern nachsteht, enthalten jetzt schon die untersuchten Werke multimediale Erweiterungen, sei es als eine richtige Desktop- oder Smartphone-Anwendung mit dem gesamten Inhalt des Papierwörterbuchs und Audios zu allen Stichwörtern (DU-23, EPD), sei es in Form einer beigefügten CD-/DVD-ROM, die entweder Audiodateien zu ausgewählten Stichwörtern enthält (DAWB), oder aber die Vertonung aller Stichwörter und darüber hinaus erweiterte Suchfunktionen sowie interaktive Ausspracheübungen bietet (EPD, LPD). Hinzu kommt die Fortführung des DAWB durch eine Online-Aussprachedatenbank (vgl. Abschn. 4.2).

    Angesichts der rasanten Fortschritte in der Sprach- und Spracherkennungs-technologie sowie der zunehmenden Verfügbarkeit interaktiver Online-Wörterbücher ist es jedoch offensichtlich, dass die derzeit angebotenen Printausgaben mit multimedialen Komponenten (wobei Datenträger wie CD- oder DVD-ROM bereits als überholt gelten müssen) lediglich eine Übergangsphase in der Entwicklung der Phonolexikographie darstellen.10 Digitale Plattformen bieten nämlich nicht nur den Vorteil der ständigen Aktualisierung, sondern auch die Möglichkeit einer noch anschaulicheren und flexibleren Darstellung phonetisch-phonologischer Informationen, etwa durch interaktive IPA-Transkriptionen oder KI-gestützte Aussprachehilfen.

    Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Weiterentwicklung von KI-Technologien tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft von Aussprachewörterbüchern haben wird. KI-gestützte Systeme können eine nahezu unbegrenzte Menge an Sprachdaten auswerten, fortlaufend aktualisieren und auch individualisierte Rückmeldungen zur Aussprache geben, indem sie Benutzeraufnahmen mit Standardvarianten vergleichen. Daraus erwächst die Möglichkeit, dass Aussprachewörterbücher, heute noch primär statische Referenzwerke, sich mit der Zeit zu speziellen interaktiven Informations-, Lern- und Trainingsplattformen weiterentwickeln (mehr zur aktuellen Beschäftigung mit den Auswirkungen der KI auf die Lexikographie siehe z. B. De Schryver 2023: 355 ff., McKean und Fitzgerald 2024: 7 ff., Ptasznik und Lew 2025: 140 ff.).

    Denkbar ist aber auch ein anderes Szenario. Zieht man nämlich in Betracht, dass online zugängliche renommierte Universalwörterbücher wie die deutschen DWDS und Duden online, die britischen Oxford English Dictionary (OED) und Cambridge English Dictionary sowie das amerikanische Merriam Webster Aussprache-Audios (und vor allem die letzteren drei auch Transkriptionen) zunehmend in ihre Lemmata integrieren bzw. es bereits weitgehend getan haben, dass dies auch auf diverse Lernerwörterbücher oder zwei- und mehrsprachige Wörterbücher zutrifft und es zudem seit längerem auf die Aussprachevermittlung spezialisierte Internetplattformen wie die Forvo (forvo.com) gibt, so muss wohl damit gerechnet werden, dass der Benutzerkreis von orthoepischen Fachwörterbüchern mittel- und längerfristig deutlich schrumpfen wird.

    Bereits jetzt fallen die deutschen und die englischen Aussprachewörterbücher im Vergleich zu modernen Universal- oder Lernerwörterbüchern etwa in Bezug auf die Zugriffsstruktur und die angebotenen Verlinkungen eher bescheiden aus. Ihre Zugriffsstruktur beschränkt sich im Wesentlichen auf die alphabetische Lemmaliste in den Printausgaben bzw. auf einfache Suchfunktionen in den digitalen Ausgaben. Erweiterte Optionen wie phonetische Suchmöglichkeiten sind nur in Einzelfällen und in begrenztem Umfang vorhanden. Auch die Verlinkungsangebote bleiben in den untersuchten Werken auf punktuelle Querverweise zwischen unterschiedlichen Aussprachevarianten oder Flexionsformen beschränkt. Eine systematische Vernetzung mit externen Ressourcen wie Thesaurus, Kollokationen oder (ggf. phonetisch relevanten) Grammatikhinweisen, wie sie in heutigen Universal- oder Lernerwörterbüchern üblich ist,11wird von den aktuellen Aussprachewörterbüchern nicht angeboten.

    Sollten nun Universalwörterbücher wie die oben aufgezählten in Zukunft noch mit weiteren benutzerfreundlichen Funktionalitäten angereichert werden, etwa der Möglichkeit, die eigene Aussprache mit dem Standard-Audio des Wörterbuchs zu konfrontieren und online zu üben, dann lässt sich u. U. nicht vermeiden, dass eigenständige Aussprachewörterbücher schließlich auf ein Nischenphänomen reduziert werden, das hauptsächlich nur noch für Fachleute von Interesse bleibt.12

     

    Endnoten

    1 Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Wörterbuch siehe Lewis 2020: 147 ff.
    2 In diesem Zusammenhang zählt DAWB auch einige konkrete Berufsgruppen auf, und zwar
    Pädagogen, Mediensprecher, Schauspieler, Sprecherzieher, Rhetoriklehrer, Logopäden, klinische Linguisten" (4. Umschlagseite).
    3 Ausführlicher dazu siehe Nycz und T
    ęcza 2023: 168 ff., Nycz und Tęcza 2020b: 465 ff., Tęcza und Nycz 2016a: 384 ff.
    4 Zur Kritik des Oxford Dictionary of Pronunciation for Current English siehe Picard 2004: 192.
    5 Mehr zu formal-editorischer Beschaffenheit der deutschen Aussprachewörterbücher siehe Nycz und T
    ęcza 2020b: 76 ff., Tęcza und Nycz 2016b: 364 ff.
    6 Vgl. https://dad.sprechwiss.uni-halle.de/dokuwiki/doku.php/about/start, Zugriff am 30.8.2025. Eingehender zu der DAB, deren Aufbau, geplanter Weiterentwicklung sowie besonders phono-didaktischem Potenzial siehe Ebel und Skoczek 2021: 39 ff., Skoczek und Ebel 2021: 73 ff.
    7 Siehe https://shop.duden.de/Duden-Das-Aussprachewoerterbuch/9783411040681, Zugriff am 30.8.2025. Eine genauere Darstellung der Konstruktion und der Funktionsweise dieser Anwendung ist in Nycz und T
    ęcza 2020a: 85 ff. zu finden.
    8 Vgl. https://shop.duden.de/Duden-Das-Aussprachewoerterbuch/9783411914326, Zugriff am 30.8.2025.
    9 Zur Kritik des Longman Pronunciation Dictionary siehe Sobkowiak 2009: 191 ff., Lewis 2009: 238 ff.
    10 Eine interessante und dabei noch in hohem Maße aktuelle Diskussion dieser Problematik wurde schon vor einem Jahrzehnt in Sangster (2015: 307 ff.) vorgenommen.
    11 Vgl. z. B. das LDOCE, Longman Dictionary of Contemporary English Online (https://www.ldoceonline.com).
    12 Wir möchten an dieser Stelle den beiden anonymen GutachterInnen für ihre wertvollen Kommentare und Anregungen danken, die die Qualität unseres Artikels erheblich verbessert haben.

     

    Literaturverzeichnis

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