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vol.34 issue2Schnabel, Eckhard J. Der erste brief des Paulus an die Korinther. Historisch-theologische auslegungJordaan, G.J.C. 2014. Die Binnewerk van Antieke Grieks. Die semantiek van grammatiese konstruksies. Handleiding vir eksegete en ander studente van Klassieke en Nuwe-Testamentiese Grieks author indexsubject indexarticles search
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Acta Theologica

On-line version ISSN 2309-9089

Acta theol. vol.34 n.2 Bloemfontein  2014

http://dx.doi.org/10.4314/ACTAT.V34I2.14/ 

RESENSIES/REVIEWS

 

Tiwald, Markus. Hebräer von hebräer : Paulus auf dem hintergrund frühjüdischer argumentation und biblischerinterpretation. Herders biblische studien 52 (Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2008). - XVI, 508 S. Gebunden ISBN 978-3-451-29572-0. 65

 

 

Die vorliegende umfangreiche Untersuchung geht auf eine Habilitationsschrift an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien zurück (2006). In ihr gibt Tiwald einen Überblick über Briefe und Theologie des Paulus auf dem Hintergrund der zeitgenössischen Argumentation und der Schriftinterpretation. Der Fokus ist dabei deutlich anders als in den vielen neueren Studien zum pln. Schriftgebrauch.

Im ersten Teil bietet Tiwald zunächst einen knappen Forschungsüberblick über die Rückfrage nach Paulus, dem Juden (... wie weit die jüdischen Wurzeln auch noch für den späteren Christen und Heidenapostel bestimmend waren", 1) und seiner biblischen Argumentation und Interpretation unter den Überschriften: Paulus und das Judentum im 19. Jh., Paulus und das Judentum im 20. Jh. bis in die 50er Jahre, Paulus und das Judentum zwischen 1950 und 1990 sowie Paulus und das Judentum ab den 80er Jahren des 20. Jh. (Anthologie divergierender Konzepte, D.-A. Koch (1986), K.-W. Niebuhr (1992), K. Haacker (1997), U. Schnelle (2003) und knapp die Forschungslage im englischen Sprachraum - so sehr die Würdigung der international oft vernachlässigten deutschen Beiträge erfreut, so ungenügend ist Tiwalds Behandlung der englischsprachigen Forschung; nach den Beiträgen etwa von R. B. Hays sucht man vergebens!). Ferner beschreibt Tiwald knapp die christliche Exegese auf dem judaistischen Prüfstand" (vgl. dazu auch G. Stemberger, Judaistik und ntl. Wissenschaft" (15-31) und K. Müller, Ntl. Wissenschaft und Judaistik" (32-60) in L. Doering et al.(Hrsg.), Judaistik und ntl. Wissenschaft: Standorte - Grenzen - Beziehungen,FRLANT 226; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008), offene Fragen, den methodischen Zugang der eigenen Untersuchung (interdisziplinár und phänomenologischer Zugang, historische Kontextplausibiltät, Text und Interpretation), deren Aufbau sowie Definitionen und terminologische Abklärungen.

Teil zweigibt einen instruktiven Überblick über neue Erkenntnisse in Judaistik und in den Bibelwissenschaften und deren Konsequenzen für die Paulusforschung (35-183). Zur Judaistik gehört die Erkenntnis der vielen Gesichter des Frühjudentums, die Frage nach einem normativen Judentum" zur Zeitenwende und nach einem mainstream Judaism". Unter Pharisäer und Rabbinen" fragt Tiwald: gab es ein pharisäisch-rabbinisches Judentum"?, behandelt historisch-kritische Zugänge zu rabbinischen Texten (vgl. dazu G. Holtz,Rabbinische Literatur und Neues Testament: Alte Schwierigkeiten und neue Möglichkeiten", ZNW100, 2009, 173-98), das Verháltnis von Pharisäern und Rabbinen unter der Fragestellung Kontinuitát oder Bruch?", die Zeit der Rabbinen, die Existenz speziell pharisäischer Schriften, Name und Entstehung der Pharisäer und die Frage, ob es Pharisäer in der Diaspora gab. Unter frühjüdischem Schriftzitation und Schriftgebrauch behandelt Tiwald die Frage nach wörtlicher oder freier Schriftzitation, die Problematik wörtlicher Zitate" (Probleme bei der Definition eines wörtlichen Zitats", explizite Zitate sind nicht immer wortwörtlich", wörtliche Zitate sind nicht immer explizit eingeleitet), Treue zum Inhalt statt Treue zum Buchstaben, deliberative" Textabänderungen in wörtlichen" Zitaten, Textübersetzungen und Textabänderungen, argumentativer Vorrang der Tora vor Prophetentexten? Dann wendet sich Tiwald der LXX und ihren Rezensionen zu sowie dem komplexen Verhältnis Judentum und Hellenismus (keine strikte Trennlinie. Sind die Spuren einer pagan-hellenistischen Bildung bei Paulus Rückgriff auf Allgemeinwissen oder deuten sie auf eine eigenständige Bildung hin? (Vergleich mit Philon und Josephus, pagane Elementarschulbildung" bei Paulus?, Paulus und der Stil der Diatribe).

Unter Paulus und die Heilige Schrift" geht es um die Bibel" des Paulus (LXX oder hebräischer Text?) und Schrift und Schriftgebrauch bei Paulus (verschiedene Formen des Schriftbezugs im Frühjudentum; Zitat, Anspielung, Paraphrase, biblische Sprache - mit einem Exkurs zur Intertextualität, direkte und indirekte Zitation bei Paulus) sowie um den biblischen Kanon" des Paulus (die Problematik des biblischen Kanons" im Frühjudentum, Kriterien für Kanonizität" und Schriftgebrauch bei Paulus, Paulus im Vergleich mit dem zeitgenössischen Judentum). Ferner schildert Tiwald die schwierigen Fragen nach den biblischen Vorlagetexten des Paulus und Textabweichungen (Paulus im persönlichen Besitz von Bibeltexten? Auswendige Zitation oder eigenständig erarbeitete Zitate? Excerpta und Testimonia? kein einheitlicher LXX-Text zur Zeit des Paulus, Textänderungen - freier LXX-Text - Testimonia? deliberative Textänderungen bei Mehrfachzitation? Ferner fragt Tiwald nach Midrasch, Halacha und Haggada zur Zeit des Paulus sowie nach den Middot (Hillel und die Middot, die Nähe der Middot zur hellenistischen Rhetorik).

Nach diesem Anmarschweg geht es um Paulus und die jüdische Exegese. Dazu gehören Synagogengottesdienst und Synagogenbildung (zur allgemeinen Quellenlage, Synagogenpredigten, Synagogen und Gesetzesauslegung zur Zeit des Paulus, Synagogen und Elementarschulunterricht), die theologische Bildung des vorchristlichen Paulus (zum Terminus hebraios,hebräische Sprachkenntnisse? epigraphische Untersuchung zum Terminus hebraios) in seinen Selbstzeugnissen (Phil 3,5; 2 Kor 11,22; Gal,13-24 und Röm 11,1.29), um das Verhältnis von Hebráisch und Griechisch in Palástina, das Zeugnis der Apostelgeschichte sowie um eine knappe Gegenüberstellung vom historischen" Paulus und dem lukanischen Paulusbild.

Nach Tiwald empfiehlt es sich nicht, typisch-jüdische Auslegungsmethoden bei Paulus finden zu wollen: Das verbietet im Gegenzug aber nicht, Paulus phánomenologisch mit anderen jüdischen Autoren seiner Zeit zu vergleichen und dabei festzustellen, dass hier gleiche oder doch sehr áhnliche Prinzipien zur Anwendung gekommen sind" (183).

In Teil drei beleuchtet Tiwald das Gesetzesverständnis des Paulus auf dem Hintergrund frühjüdischer Texte (184-415). Tiwald bietet einen intensiven Vergleich frühjüdischer Texte und Argumentationsfiguren mit Aussagen der pln. Homologumena. Die einzelnen Abschnitte gelten Paulus und dem jüdischen Gesetz" (185-216), Gesetz und Rechtfertigung in frühjüdischer Theologie (217-399) und Tora bei Paulus in ihrer Kontextplausibilität" (400-15). Dabei stellt Tiwald die Sichtweise des Paulus frühjüdischen Texten gegenüber und spricht von einer kontextplausiblen Kohärenz und Individualität, die deutlich wird in der anthropologischen Prämisse der Sündenverfallenheit, Rettung aus dem Glauben, Glaube des Abraham, Gericht nach Werken, Heilsuniversalismus, Posterioritát der Gesetzgebung, Ritualgebote und ethische Vorschriften) und von pln. Interpretationsmustern. Paulus fokussiert in seiner Gesetzeskritik auf den zumeist rituell verstandenen Forderungscharakter des Gesetzes und nicht auf das Gesetz als solches. Es sind in erster Linie die rituellen Forderungen der Tora, die nun nicht mehr heilsbedeutend sind (402).

Die Aussagen des Paulus zum Gesetz erweisen ihn als Juden, dessen Leben sowohl von Kontinuität als auch von einem radikalen Bruch gekennzeichnet ist. Paulus muss als Teilnehmer eines intensiven frühjüdischen Diskurses über das Gesetz verstanden werden; auf diesem Hintergrund hatte er es nicht nötig, das Gesetz zu abrogieren: Er brauchte lediglich aus den vorgegebenen Denkmustern (kontextuelle Korrespondenz) seine eigene Sichtweise zu konstruieren (kontextuelle Individualitát). Solche eine evolutives Denkmuster genieBt mehr Wahrscheinlichkeit als ein revolutives: Selbst nach groBen Bekehrungen bleiben die Menschen von ihrer Ausbildung und ihren Denkweisen her die gleichen wie zuvor, auch wenn sie nun manche Schlüsse anders ziehen" (401). Paulus kann in den zentralen Punkten seiner Argumentation nur im Kontext damaliger jüdischer Theologie verstanden werden.

Der abschlieBende Teil gibt einen soliden Überblick über hermeneutische Deutemuster in der biblischen Argumentation des Frühjudentums (416-48), um die formalen Parallelen zwischen frühjüdischen Texten und Paulus bezüglich Argumentation und Interpretation zu erhellen. Tiwald behandelt eschatologische Bibellektüre und Pescher-Exegese sowie -zumindest streckenweise -ultraliteralistische Exegese (Ultraliteralismus in der rabbinischen Exegese, im Frühjudentum - dazu gehört die Kaige-Rezension, Ultraliteralismus bei PhiIon, in Qumrantexten und anhand der LXX). Ultraliteralismus bei Paulus macht Tiwald in Galater 3,16 aus und führt weitere Beispiele ultraliteralistischer Exegese bei Paulus an. Daneben erscheint im Frühjudentum allegorische und typologische Bibelauslegung (Begriffsbestimmung, Beispiele im Frühjudentum, Beispiele bei Paulus, nämlich Sara und Hagar (Gal 4,21-31) und die Rede vom ersten und letzten Adam.

Das Abschlusskapitel Den Juden ein Jude" (449-57) präsentiert die Erträge und zieht Schlussfolgerungen. Bei einer Reihe von Themen gibt es frappierende Parallelen zwischen Paulus und anderen frühjüdischen Autoren, wodurch das Kriterium der kontextuellen Korrespondenz erfüllt ist. Die kontextuelle Individualität Pauli im Umgang mit vorgegebenen jüdischen Argumentationsfiguren zeigt sich hingegen nie in einer grundsátzlichen Abrogation frühjüdischer Positionen, sondern vielmehr in einer Neuinterpretation derselben. Diese Relektüre bewerkstelligt Paulus zumeist, indem er performativ-bildliche Aussagen des Frühjudentums informativ-wörtlich interpretiert (informative Engführung) bzw. reale Vorschriften (wie die Ritualgesetze) nur mehr auf symbolisch-bildlicher Ebene gelten láBt (symbolische Engführung) " (451). Selbst diese Art der Relektüre (auch in formal-hermeneutischer Hinsicht) entspricht frühjüdischen Deutemustern. An keiner einzigen Stelle fállt Paulus so aus dem Kontext des Frühjudentunms, dass man von einem definitiven Bruch mit dem Frühjudentum sprechen könnte (451f).

Der vorliegende, umfangreiche Band bündelt wichtige Fragestellungen und führt zu interessanten Ergebnissen für die Paulusforschung. Durch den zugrundeliegenden phánomenologischen Zugang mit extensiven Vergleichen gelingt es Tiwald, die Kontinuität im Denken des Juden Paulus nicht nur zu konstatieren, sondern inhaltlich und formal nachzuzeichnen. Zudem bieten Teil 2 und 4 eine solide Einführung, die auch für Studierende geeignet ist. Tiwald gelingt es ferner, neue und überzeugende Parameter für die Paulusexegese vor dem Hintergrund des Frühjudentums zu umreißen.

 

Christoph Stenschke
Forum Wiedenest
And Department of New Testament
University of South Africa
P O Box 392, Pretoria, 0003
Republic of South Africa
E-mail: Stenschke@wiedenest.de