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Old Testament Essays

On-line version ISSN 2312-3621
Print version ISSN 1010-9919

Old testam. essays vol.28 n.3 Pretoria  2015

http://dx.doi.org/10.17159/2312-3621/2015/v28n3a20 

BOOK REVIEWS BOEKRESENSIES

 

 

Kartje, John. Wisdom Epistemology in the Psalter: A Study of Psalms 1, 73, 90, and 107. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 472. Berlin, Boston, Mass.: de Gruyter, 2014. XII + 216 Seiten. Leinen. EUR 93.40. ISBN 978-3-11-035053-1.

Über Dankesworte hinaus fehlt ein Vorwort zur Monographie. Eine Internet-Recherche ergibt, dass Kartje neben theologischen auch naturwissenschaftliche Abschlüsse (Astrophysik) aufweist, katholischer Priester ist und an einer Privatuniversität mit Priesterseminar (Mundelein Seminary) in der Metropolregion von Chicago arbeitet. Der Autor unternimmt es, vier als weisheitlich eingestufte Psalmen (1; 73; 90; 107) unter einer epistemologischen Fragerichtung zu untersuchen. Die Auswahl verdankt sich neben dem Umstand, dass diese Psalmen Erkenntnis-relevante Aspekte enthalten, der Tatsache, dass sie vier der insgesamt fünf Teilbücher des Psalters eröffnen und hinsichtlich der kanonischen Leseabfolge als strukturrelevant angesehen werden.

Zunächst wird der Leser in relevante religionsphilosophische Themen und Ergebnisse der Epistemologie und der Wissenssoziologie eingeführt. Als Hauptmodelle der Gewinnung von Erkenntnis werden der foundationalism" (Annahme von gerechtfertigen Basisüberzeugungen) und der coherentism" (keine absolut geltenden Überzeugungen, System von interdependenten Parametern, das insgesamt überzeugt) vorgestellt. Anschliessend werden Eckdaten der sozialen Strukturierung von Wissen anhand von Leitbegriffen wie Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung durch primäre bzw. sekundäre Sozialisierung entwickelt. Einem sich nicht ins System einordnenden Abweichler gegenüber werden von der zur Selbsterhaltung neigenden Gesellschaft bzw. Gruppe als Massnahmen therapy" oder nihilation" angewandt. Vf. Erörtert zudem die Bedeutung der Sprache und ihrer Metaphorizität mit Blick auf das Konstruieren und Verstehen eines Weltbilds. Die Metaphertheorie der kognitiven Linguistik (Lakoff & Mitarbeiter) samt ihren Einsichten und Analyseverfahren wird vorgestellt. Konzeptuelle bzw. grundlegende Metaphern einer source domain" dienen zum Verstehen und Beschreiben eines Lebensvollzugs, einer target domain". One of the most important consequences of this structuring power of metaphorical relationship is that it creates a coherent system for the fundamental values of a culture." (24) Metaphern gestalten das Verstehen und vermögen verschiedene Wirkungen - power of reason", power of evaluation" and power of beeing there" - zu entfalten. Den Schluss des Theorieteils bildet ein Frageraster für die epistemologische Texterarbeitung.

Bevor das Theorie- und Verfahrensmodell an Psalmen (die unter dieser Fragestellung bisher nicht analysiert wurden) appliziert wird, wird eine Fallstudie anhand von Spr 1-9 durchgeführt. An diesem Text wurde diese Fragerichtung bereits erprobt (Habel, Perdue, van Leeuwen). Vor der Durchführung des epistemological approach" werden die Forschungsdiskussionen rund um Gattung, Kriterien, Funktionen und Benennungen von Weisheitspsalm(en)" nachgezeichnet und Unterschiede zwischen Proverbia und den Psalmen benannt. Vf. vertritt einen funktionalen Gebrauch von Weisheit in den Psalmen und bringt das Moment des realization discovery des Religionsphilosophen Kellenberger ein: In the Psalms, ,knowing' God ist not so much a matter of reason, but of feeling; not simply observing, but beholding." (64) Dabei kommt ein lifting of blindness to the presence of God" (66) zum Tragen.

Rund 100 Seiten sind der Durchführung dieser Fragerichtung an den vier Psalmen gewidmet. Nach der Darbietung des hebräischen Textes (MT) und einer englischen Übersetzung werden in Auswahl textkritische und lexikalische Probleme sowie (knapp) Struktur, Datierung und Einheitlichkeit bedacht. Die epistemologische und metaphorische Erschliessung des Psalms macht den Hauptteil aus. Dabei werden Verse, die dazu Relevantes bieten, genauer analysiert. Ps 1 hat als Basismetapher LIFE IS A JOURNEY (auch Ps 73 und 107) und PEOPLE ARE PLANTS. Er repräsentiert eine deuteronomistische Weltsicht mit statischer Dichotomie. Mit seiner Rigidität vertritt der mit Ps 2 gepaarte Ps 1 eine Weltsicht, welche die meisten Menschen nicht teilen. Die nachfolgenden Psalmen sind als Antworten auf die in Ps 1 aufgeworfene These eines Abweichlers" anzusehen. Bei Ps 73 fokussiert sich Vf. auf V. 17 als Wendepunkt des Psalms. Die Selbst- und Situationswahrnehmung verändert sich durch eine gewährte Gotteserfahrung. Diese Gottesbegegnung (der Erkenntnisbemühungen vorangingen) führt zu Erkenntnisgewinn. Die primäre konzeptuelle Metapher in Ps 90 lautet: A LIFETIME IS A DAY. Flankiert wird sie durch zwei sekundäre Kategorien: TIME MOVES und PEOPLE ARE PLANTS (vgl. Ps 1). Der Psalmdichter vermittelt die Weltsicht, dass moralisches Rechtverhalten nicht zwingend mit Wohlergehen einhergeht (wie Ps 1). Keiner kann dem Leiden (als Ausdruck des Menschseins) ganz entrinnen. Der Gerechte erbittet von JHWH eine neue Art von Erkenntnis (vgl. V. 12). Ps 107 als längster der behandelten Psalmen macht den Schluss. Die darin gezeichneten Szenarien werden als purely metaphorical" verstanden: 1. Wüstenwanderungen (V. 4-10), 2. Gefängnisaufenthalte (V. 10-16), 3. Krankheit (V. 17-22), 4. stürmische See (V. 23-32), abschliessend mit einer summarischen Reflexion von JHWHs Wirken in der Welt (V. 33-41). Ps 107 weist gegenüber der in Ps 1 formulierten Antithese der beiden Lebenswege durch Einbringung zusätzlicher Erkenntnisse die grösste Differenziertheit auf.

Zum Schluss werden einige Implikationen der Ergebnisse mit Blick auf die kanonisch gewordene Gestalt des Psalters gezogen. Vf. sieht entlang dieser Eroffnungspsalmen von Teilbüchern einen Erkenntnisprogress: Ps 1 reflektiert die Wertvorstellung einer rigiden Gesellschaft, welche die Indoktrination jeder neuen Generation anhand der exklusiven Antithetik von gut und böse verlangt. In Ps 73 wird aufgrund gegenläufiger Erfahrungen dieses starre Dogma aufgebrochen. Anders als in Ps 1 wird der Psalmist seines Mangels an Einsicht gewahr und hat den Wunsch nach Erkenntnisgewinn. Von einer sozialen Perspektive her ist seine Erziehung" als individualistisch einzustufen. Ps 90 liegt eine intellektuelle Krise zugrunde, die noch breiter ist als die in Ps 73 angesprochene. In sozialer Ausweitung spricht der Psalmschreiber hier für eine Gemeinschaft und entwickelt einen Plan, um gegen die Krise vorzugehen. In Ps 107, dem epistemologisch komplexesten der vier Psalmen, findet sich ein höherer Grad an Realismus, zudem ein direktes Selbstengagement im Verstehensprozess und eine Ausweitung auf die ganze Menschheit. Wird in Ps 90 Gott als Lehrer angerufen, so wirkt in Ps 107 der Psalmist in vermittelnder Weise selbst als Lehrer. Wer immer weise ist, lernt von seinen Worten. Vf. bilanziert:

The epistemological progression we have noted calls for human beings to take on a greater responsibility for their own wisdom, which in turn equips them to better address the puzzle posed by the apparent success of the wicked and the suffering of the righteous. (172)

Die Beurteilung der Studie beschränkt sich auf die Anwendung der Erkenntnistheorie und Wissenssoziologie auf die Psalmen. Das Einleitungskapitel legt die wesentlichen Einsichten und ihr Applikationspotential gut dar und lässt die Methodik auch für Nichteingeweihte verständlich werden. Die Anwendung der kognitiven Linguistik auf die Psalmen ist nicht gänzlich neu (vgl. Basson); Sichtweisen auf die Psalmen aufgrund methodisch neuer Fragestellungen sind zu begrüssen. Dass im Blick auf Fragen von Gottes- und Welterkenntnis Psalmen mit weisheitlichem Kolorit im Vordergrund stehen, legt sich nahe. Die Analyse der vier Psalmen führt Vf. zu einigen erhellenden Einsichten (nach Ansicht des Rezensenten sind die Ausführungen zu Ps 107 am Ergiebigsten). Ebenso ist die Schlussthese, dass mittels deren Platzierung an signifikanten Stellen im Buch eine Erkenntnisentwicklung in den Psalter eingeschrieben ist, zwar nicht völlig neu, wohl aber in dieser Ausgestaltung und Zuspitzung. Die Fixierung auf (teils zu modern gedachte) Erkenntnisprozesse in den Psalmen führt freilich auch zu Einseitigkeiten und Fragwürdigkeiten. So redet in Ps 73 zwar ein Ich, der Psalm ist aber gerade nicht highly individualistic", sondern als paradigmatisch" einzustufen (dafür spricht nicht zuletzt seine Platzierung!). Zudem ist - gerade unter epistemologischer Prämisse! - das Verstehen von V. 17 nicht engzuführen auf die erste Hälfte (Kommen ins Heiligtum Gottes), wird doch die theologische Erfahrung eng mit einer anthropologischen Reflexion (Merken auf das Ende der Frevler) verbunden. Ob das Zählen der Tage" in Ps 90,12 als Appell für eine andere, göttliche Erkenntnis zutreffend erfasst ist, lässt sich diskutieren. Die stärkste Kritik ist gegenüber der unzureichenden Interpretation von Ps 1 anzubringen. Das vom Vf. unter modernen Verstehensbedingungen angewandte Raster führt zu Fehleinschätzungen (ob dies der Methode selbst oder deren Anwendung durch den Vf. anzulasten ist, kann offen bleiben). Eine breitere Kenntnis weisheitlicher Literatur und Argumentationsstruktur hätte davor bewahrt, die Antithetik von Ps 1 als unzureichende Schwarz-weiss-Malerei, die Gegenerfahrungen wie das Leiden des Gerechten u. a. nicht in Rechnung stellt, aufzufassen. Mit dieser (zu) vordergründig epistemologischen Sichtweise ist die Pädagogik dieses Psalms verkannt, der ganz bewusst keine Graustufen und Synthesen kennt, sondern (Ent-)Scheidung fordert und fördert. Oder besser: Sie beglückwünscht den Weg der Einverleibung von JHWHs Tora, der zu gelingendem Leben führt. Insgesamt: eine anregende, lesenswerte Studie, deren Einsichten zur Erkenntnis aber nur einschränkend zugestimmt werden kann.

Beat Weber, Lecturer in Old Testament at Theologisches Seminar Bienenberg (Liestal), Switzerland & Research Associate of the Department of Ancient Languages, University of Pretoria, South Africa. E-mail: weber-lehnherr@sunrise.ch.

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