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Old Testament Essays

On-line version ISSN 2312-3621
Print version ISSN 1010-9919

Old testam. essays vol.28 n.3 Pretoria  2015

http://dx.doi.org/10.17159/2312-3621/2015/v28n3a18 

BOOK REVIEWS BOEKRESENSIES

 

 

Harald Samuel. Von Priestern zum Patriarchen: Levi und die Leviten im Alten Testament. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 448. Berlin: de Gruyter, 2014, XIV + 453 pages, hardcover, 129.95, ISBN 978-3-11-031039-9.

Vorliegende Studie wurde 2012 unter Promotor Reinhard G. Kratz in Göttingen als Dissertation angenommen. Es handelt sich um eine literarhistorische Analyse der alttestamentlichen Belege von Samuel versteht sie als Vorarbeit für die historische Rekonstruktion der Geschichte und Entwicklung des Klerus im alten Israel. Durch die literarkritische Analyse der Texte und die redaktionskritische Schichtung will er das Textmaterial aufbereiten: Die vorliegende Arbeit ... kann in diesem Sinne bestenfalls Grundlagen für die künftige Arbeit des Historikers legen" (S.4).

Nach einer kurzen Einleitung mit einigen Klärungen zum Rahmen und Fokus der Arbeit folgt als erster grosser Teil die Untersuchung der Levitenthematik im Deuteronomium, zuerst im äusseren Rahmen, anschliessend im deuteronomischen Gesetz. Es folgt als zweiter grosser Teil das Numeribuch. Knapper fallen dann die Analysen zum Exodusbuch und zur Genesis aus, bevor Samuel sich Josua bis Könige" zuwendet. Die Rede ist bewusst nicht vom deuteronomistischen Geschichtswerk, dessen Existenz Samuel anzweifelt. Schliesslich folgt eine Untersuchung der Levitenthematik in den hinteren Propheten, wobei Ezechiel umfangmässig am ausführlichsten diskutiert wird. Als Ausblick folgt schliesslich ein kurz gehaltener Überblick über die Levitenthematik bei Esra-Nehemia, Chronik, Sirach und Qumran.

Es würde hier zu weit führen, die Argumentationen zu den verschiedenen Büchern nachzuzeichnen. Darum sei hier das Resultat vorweggenommen (siehe dazu die Zusammenfassung S.401-408), bevor dann einige Anmerkungen zu einzelnen Inhalten der Studie folgen. Die Studie führt Samuel zum Schluss, dass die ältesten Belege für im Alten Testament in Gen 29 (Nennung des Sohnes Jakobs) und in Ex 2 (levitische Herkunft Moses) zu finden sind. Es sind die einzigen beiden Belege, die ihm zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit vorexilisch sind (und wohl aus dem Norden Judas stammen und damit womöglich auf eine nördliche Herkunft der Leviten hindeuten); das Deuteronomium datiert er unter Ablehnung der josianischen Datierung exilisch. Die nächste Stufe ist dann im Grundbestand des deuteronomischen Gesetzes zu sehen, wo die Leviten als Teil der erweiterten Festfamilie ohne eigenen Landbesitz und potentielle Funktionäre am Zentralheiligtum dargestellt sind. Nur in dieser Funktion werden sie als levitische Priester bezeichnet. Das Levitenbild in der Grundschicht des deuteronomischen Gesetzes ist dabei recht positiv. Den gehobenen Status, den die Leviten dann in den deuteronomistischen Fortschreibungen einnehmen (Mitwirkung bei der Bundeszeremonie, Verwaltung der mosaischen Tora, Rechts Sprecher und Berater des Königs) deutet Samuel bereits als Reaktion auf die Priesterschrift, in welcher die Leviten komplett ignoriert werden und die Priesterschaft auf Aaron und seine Söhne beschränkt ist. Schon Ex 4 und 32 seien Gegenreaktionen auf diese priesterschriftliche Tendenz. Die pro-levitische Tendenz des Deuteronomiums konnte aber den Sieg doch nicht davontragen, sondern in den späten Texten des Numeribuches geht der Konflikt zwischen Priestern und Leviten zunehmend dahin, dass die Leviten zu zweitklassigem Kultpersonal herabgesetzt werden. Als Folge davon werden die Leviten in spätpriesterschriftlichen Fortschreibungen des Deuteronomiums den personae miserae zugerechnet. Esra-Nehemia, Chronik, aber auch die meisten Erwähnungen der Leviten in den Vorderen Propheten und womöglich auch die Einführung Levis in Gen 34 spiegeln diese spätpriesterschriftliche Perspektive. Das Ezechielbuch nimmt zur Levitenthematik eine Sonderstellung ein, wobei Samuel neben dem deuteronomischen und dem priesterschriftlichen Entwurf von einem dritten Entwurf" spricht (S.405), der aber weder im Pentateuch noch in den späten Schriften des Alten Testaments Spuren hinterlassen habe: Übereinstimmung mit der priesterlichen Sichtweise bestehe zwar in der Degradierung der Leviten (Ez 44), doch führe Ezechiel in einem Fortschreibungsprozess ein dreistufiges System des Kultpersonals ein, an dessen Spitze die Zadokiden stehen. Maleachi schliesslich redet von einem Bund mit dem Leviten", was sich als auf Levi, den Sohn Jakobs, bezogen verstehen lässt. Spätere Texte wie das Jubiläenbuch und das Aramäische Levi-Dokument entwickeln in dieser Linie dann eine Biographie des Jakobssohnes. Mit historischen Schlussfolgerungen aus dieser literarhistorischen Rekonstruktion ist Samuel sehr zurückhaltend. Er vermutet hinter dem Konflikt zwischen Priestern und Leviten spät- bzw. nachexilische Konflikte zwischen der alteingesessenen Bevölkerung Jerusalems und den Rückkehrern, weist aber darauf hin, dass teilweise nicht einmal mehr entschieden werden kann, ob einer Fortschreibung überhaupt ein externes, in der Regel zeitgeschichtlich bedingtes, Motiv zugrundeliegt, oder ob rein literarischexegetische Interessen Auslöser einer Weiterentwicklung sind" (S.407f).

Wenn man bei der Ankündigung einer literarhistorischen Studie mit dem Schlimmsten rechnet, mit in aller Selbstverständlichkeit selbstsicher vorgetragenen Spekulationen über die Textentstehung, begründet in nichts anderem als dem eigenen Empfinden, wie viele sprachliche oder inhaltliche Spannungen und Mehrdimensionalitäten einem einzelnen Autor (bzw. einer einzelnen Schicht) zumutbar und zuzutrauen sind, dann wird man in dieser Studie wenigstens in einer Hinsicht positiv überrascht: Samuel präsentiert seine Vorschläge erfreulich bescheiden. Regelmässig betont er die Unsicherheit seiner Annahmen und verzichtet immer wieder einmal auf zusätzliche Schichtungen, da ihm die dafür angegebenen Gründe früherer Exegeten nicht als tragfähig genug erscheinen. Auch geht Samuel an die Einzelanalysen in einer Offenheit heran, wie man es nicht oft sieht. Er trägt nicht fertige Schichtungsmodelle, etwa des Deuteronomiums, in die Einzeltexte hinein, sondern versucht aus den Beobachtungen an den Einzeltexten heraus ohne Systemzwang seine Schlussfolgerungen zu ziehen.

Was in der Herangehensweise an die Einzeltexte zu loben ist, ist dagegen in der Gesamtherangehensweise kritischer zu beurteilen. Auch wenn Samuel mit Blick auf deuteronomistische Fortschreibungen offen dafür ist, Abhängigkeiten von priesterlichen Texten zu sehen, ist die Wellhausen'sehe Vorordnung der deuteronomischen Grundschicht vor der Priesterschrift unhinterfragbar vorgegeben. Dies zeigt sich schon daran, dass seine Studie den Ausgangspunkt beim Deuteronomium nimmt und von da her den Masstab" finden will, um die Zuordnung der übrigen, grösstenteils eher kontrastierenden Positionen" vorzunehmen (S.16). Samuel will für die Analyse des Deuteronomiums in der Herangehensweise Ulrich Dahmen folgen,1 von dem er sich zwar in einigen Punkten unterscheidet, der aber mein hauptsächlicher Gesprächspartner ist" (ebd.). Nun hat Dahmen für seine eigene Herangehensweise die Gefahr offen eingeräumt, dass sie von ihren Vorgaben, ihrer (hauptsächlich literar- und redaktionskritischen) Vorgehensweise und ihren Ergebnissen nur noch innerhalb bestimmter ,Schulen' konsensfähig ist" (Dahmen, S.17). Das gilt gleichermassen für den Ansatz von Samuel. Ob man ihm zu folgen vermag, hängt daran, ob man das Paradigma, in welchem er arbeitet und sich bewegt, grundsätzlich plausibel findet. Gerade den Verhältnisbestimmungen zwischen den Numeri- und den Deuteronomiumstexten hätte eine grössere Offenheit sicher nicht geschadet. So verhindert auf S.25f. beispielsweise ein bereits vorausgesetztes redaktionskritisches Modell die Einsicht, dass Dtn 10,9 auf Num 18 zurückverweist. Oder, da die deuteronomische Grundschicht unhinterfragt älter als die priesterlichen Texte sein muss, gelangt Samuel zum etwas merkwürdigen Resultat, dass in Dtn 24,8, einem Text, der ganz offensichtlich von Ρ abhängig ist (was Samuel auch sieht), ein spätzeitlicher Nachtrag gesehen wird, wobei man dem Begriff levitische Priester" hier singulär sicherlich eine andere Funktion zugestehen muss als in den frühen Belegen" (S.146).

Leider sucht man vergeblich nach einer methodischen Grundlegung der literar- und redaktionskritischen Vorgehensweise. Vieles bleibt dem persönlichen Ermessen anheimgestellt. So ist die der Studie zugrundeliegende Idee diejenige von eindimensionalen Interessenvertretern, in diesem Falle levitenfreundlichen vs. levitenkritischen Kreisen, welche die jeweils gegnerischen" Texttraditionen in eine andere Richtung zu steuern versuchen, indem sie die ihnen zuwiderlaufenden Tendenzen zwar stehen lassen, aber einfach um Zusätze, die den Text in eine andere Richtung lenken, erweitern. Eindimensional sind diese Interessenvertreter insofern, als ihnen nicht zugetraut

wird, dass ihre Texte Spannungen enthalten, dass ein und dieselbe Hand sich an einer Stelle kritisch, an einer anderen dagegen wohlwollend zu den Leviten oder den aaronidischen Priestern äussern kann. Ex 32* kann beispielsweise allein darum nicht priesterschriftlich sein, weil die Rolle Aarons beim goldenen Kalb mit der priesterschriftlichen Hochschätzung und Hervorhebung der Aaroniden [...] kaum zu vereinbaren" ist (S.296). Spannungen und Mehrdimensionalitäten im Text werden durch eine redaktionskritische Thesenbildung aufgebrochen, der zufolge jede Redaktion ein eindimensionales Programm verfolgt und nur gut oder nur schlecht über die Gruppierung, welche mit der jeweiligen Redaktion Support erfahren soll, zu schreiben vermag. Warum eine levitenkritische Redaktion die prolevitischen Stellen nicht einfach tilgt, wird dabei nicht geklärt.

Während Samuel zum Deuteronomium und zu Numeri den Forschung s stand gründlich aufarbeitet, lässt die Gründlichkeit leider in den hinteren Teilen etwas nach. Zu Ezechiel folgt er fast ausschliesslich seinem Göttinger Kollegen T.A. Rudnig. In Einzelfällen werden abweichende Positionen, z.B. von M. Konkel, wenigstens notiert, aber der eigene Standpunkt ihnen gegenüber nicht begründet. Dass die Behandlung der Levitenthematik in Ezechiel nach Samuel im Alten Testament eine Sonderstellung einnimmt, hängt wesentlich damit zusammen, dass er Ez 40,46b einseitig auf die zweite der beiden in Ez 40,45f genannten Priestergruppen bezieht. Diverse Ausleger (zu nennen sind etwa R.K. Duke, I.M. Duguid, D.I. Block oder J. Milgrom) haben dagegen argumentiert, dass Ez 40,46b sich auf beide Priestergruppen bezieht. Dies würde dazu führen, dass zwischen Ezechiel und dem Numeribuch (wo die beiden in Ez 40,45f genannten Aufgaben ebenso den Priestern zugewiesen sind, vgl. Num 18,5) eine wesentlich grössere Nähe gesehen werden könnte. Selbst wenn Samuel von dieser Deutung nicht überzeugt ist, wäre es doch angemessen, sie wenigstens zu erwähnen und zu begründen, warum sie nicht überzeugt, soll doch diese Studie dann die Grundlage sein, um historisch weiterzuarbeiten.

Diese kritischen Anmerkungen zeigen bereits, dass mich der Gesamtentwurf Samuels nicht überzeugt. Wie oben bemerkt, ist es wohl letztlich eine Frage des gewählten Paradigmas. Wen die Voraussetzungen und das Paradigma Samuels überzeugen, der wird in dieser Studie eine weiterführende Analyse finden, die in weiten Teilen mit nötiger Gründlichkeit und Bescheidenheit vorgenommen ist und streckenweise sogar kurzweilig zu lesen ist. Wen dagegen das Paradigma an sich nicht überzeugt, für den diese Schritte in Richtung einer Geschichte des altisraelitischen Klerus letztlich ein Fortschritt in einer Sackgasse.

Benjamin Kilchör, Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel (Switzerland) and Dept. of Ancient Languages at the University of Pretoria (South Africa), Strandbadstrasse 1, CH-8620 Wetzikon (Switzerland). Email: benjamin.kilchoer@sthbasel.ch.

 

 

1 Ulrich Dahmen, Leviten und Priester im Deuteronomium (BBB 110; Bodenheim: Philo Verlag, 1996).

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