SciELO - Scientific Electronic Library Online

 
vol.65 issue1 author indexsubject indexarticles search
Home Pagealphabetic serial listing  

HTS Theological Studies

Print version ISSN 0259-9422

Herv. teol. stud. vol.65 no.1 Pretoria  2009

 

ORIGINAL RESEARCH

 

'Electricity is running through my veins': die symbiose zwischen mensch und technologie in Marshall McLuhan's medientheorie

 

'Electricity is running through my veins': the symbiosis between humankind and technology in Marshall McLuhan's media theory

 

 

Valia KralevaI, II

IDepartment of Religious Studies/Didactics of Media, Goethe University Frankfurt am Main, Germany
IIDepartment of Practical Theology, University of Pretoria, South Africa

Correspondence to

 

 


ABSTRACT

In contrast to a widespread technical-mathematical media model that reduces electronic media to transmission channels, thereby making information into a quantifiable commodity, Canadian media theorist Marshall McLuhan, as early as the 1960s and 1970s, revealed the complex nature of the media irrespective of the contents that it conveyed. According to McLuhan, the media is an extension of the human body that expands human agency, but nevertheless leads to the 'amputation' of extended body parts. In this way, the medium becomes a constituent part of the body, while thereby taking on human qualities. Following McLuhan's media theory, this article reveals the symbiosis between technology and the human body and emphasises the significance of the artist for comprehending contemporary medial-technological reality and for overcoming the challenges that such a reality poses.

Keywords: symbiose; mensch; technologie; Marshall McLuhans; medientheorie


 

 

EINLEITUNG

Die Medien (Sprache, Schrift, Buch etc.) bestimmten schon immer die menschliche Wahrnehmung, das Denken, das Verhalten…, die gesamte Kultur. Allerdings wurde diese Tatsache erst durch die neuen Medien und Technologien wie Radio und Fernsehen und besonders durch den Einzug des Computers und anderer elektronischer Medien in den Alltag der westlichen Gesellschaft fast schmerzlich bewusst, denn die gegenwärtigen Lebensverhältnisse in den technologisch hoch entwickelten Ländern werden zunehmend durch technische Apparate programmiert, sogar dominiert: Ein Ausfall des Computersystems kann Schlangen vor der Supermarktkasse verursachen, oder schlimmer noch – ein Verkehrschaos, oder sogar einen nuklearen Krieg. Die rasante Entwicklung der neuen Medien und Technologien macht die Spekulationen der gewagtesten Science-Fiction-Romane und -Filme immer wahrscheinlicher. Wird der Mensch allmählich zur Maschine oder die Maschine zum Menschen?

Im Unterschied zu einem weit verbreiteten technisch-mathematischen Medienmodell1, das die Medien als Input-Output-Kanäle definiert, die Informationen vom Sender zum Empfänger unverändert übertragen, untersuchte der Literatur- und Medienwissenschaftler Marshall McLuhan bereits in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die soziologischen und psychologischen Dimensionen der technologischen Umwelt und stellte fest, dass die von den Medien transportierten Inhalte nur eine geringe Auswirkung auf die menschliche Wahrnehmung ausüben: "Der Inhalt oder die Botschaft eines bestimmten Mediums haben ungefähr soviel Bedeutung wie die Aufschrift auf der Kapsel einer Atombombe."2, sagte in einem "Playboy"–Interview der kanadische Professor, der gerne zu Aphorismen und Metaphern griff, um seine Theorien zu veranschaulichen. Vielmehr verwandeln die Medien selbst, von der Sprache bis zum Computer die gesamte Umwelt, was wiederum eine tiefe, andauernde Veränderung im Menschen auslöst. Die Inhalte dienen nur zur Ablenkung des Bewusstseins: Wie der Dieb stets ein Stück saftiges Fleisch für den Wachhund bereithält, so lenken die Inhalte unsere Aufmerksamkeit ab, während das Medium seinen Einfluss auf unsere Wahrnehmung ungehindert ausübt.3

Erst mit der Elektrizität wurde diese Erkenntnis greifbar, da elektrische Medien Informationen mit Lichtgeschwindigkeit übertragen und Kommunikation ohne Verzögerung stattfindet: So wird das Intervall zwischen Senden und Empfangen derart verkürzt, dass der Sender keine Informationen mehr, sonder sich selbst sendet, z.B. wenn wir am Telfon sprechen, werden wir an die Person mit der wir sprechen verschickt und umgekehrt – derjenige oder diejenige, mit dem wir sprechen wird uns durch die Leitung geschickt. Die Telefonierenden selbst sind die Botschaft für einander und nicht das, was sie miteinander bereden.4 Dieser Feststellung gibt McLuhan mit seinem berühmten und oft zitierten Slogan: "The Medium is the Message" einen prägnanten Ausdruck.

Dieser Artikel richtet die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen auf einen Kernaspekt von McLuhans vielschichtiger Medientheorie, der für das Ergründen der aktuellen medial-technologischen Realität besonders wichtig ist, nämlich auf die symbiotische Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und den Technologien. Davon ausgehend soll die Bedeutung der Kunst und ihrer Erschließungsweisen der Wirklichkeit für den Umgang mit Medien und für die Bewältigung der Herausforderungen unseres hoch technologisierten Zeitalters hervorgehoben werden.5

 

MENSCH UND MEDIUM

Marshall McLuhan geht in seiner Medientheorie von einem komplexen Medienbegriff aus, der die Medien nicht als einfache Übertragungskanäle von Informationen sieht, sondern als Artefakte (Instrumente oder Technologien) versteht, die der Mensch erschafft, um sich "mit den vielfältigen Aspekten des gesellschaftlichen Prozesses in Beziehung zu setzen"6. Mit den Artefakten verändert der Mensch unvermeidlich seine Umgebung und der neu entstandene Lebensraum erzeugt durch Rückkopplung neue Formen der Wahrnehmung. Der kanadische Medienwissenschaftler bezeichnet die Artefakte auch als Brücken zwischen den unterschiedlichen Erfahrungsbereichen.

Die größte dem Menschen bekannte Brücke ist Sprechen und Sprache. Worte überbrücken Zeit und Raum durch die Aufzeichnung und Aufbewahrung der vielfachen und kollektiven Eindrücke.

Die Sprache eines Volkes ist nicht nur die schwingende Brücke, die es in Raum und Zeit einbindet, sondern auch das Medium, das sein sensorisches und geistiges Leben formt und weiter entwickelt.7

Wechselseitiges Verstehen hängt also nur zum Teil vom Inhalt einer Konversation ab. Wenn es den Gesprächspartnern gelingt, einen gemeinsamen Hintergrund von Erfahrungen und Erlebnissen zu aktivieren, verläuft sprachliche Interaktion erfolgreich, das heißt sie können sich verstehen. Kommunikative Akte wie Verstehen sind niemals absolut: Die Aussagen haben nur in einem bestimmten Kontext eine bestimmte Bedeutung. Wird eine Aussage von einem Medium in ein anderes übertragen, verändert sich ihre Bedeutung oder sie wird überhaupt sinnlos. Ein Buch zum Beispiel ist ohne den kulturellen Raum, in dem es geschrieben und gelesen wird, nur gedrucktes Papier.

Auch wenn McLuhan in seinen Schriften den Begriff "Medium" synonym zu den Begriffen "Artefakt" oder "Technologie" benutzt, lässt er die tief greifenden Veränderungen, die die Medien im Menschen selbst und in seiner Umwelt auslösen, nie außer Acht, mehr sogar, er betont immer wieder, dass diese Auswirkungen untrennbar vom Begriff "Medium" sind. Deswegen wäre es gerechtfertigt im Sinne McLuhans die Medien als soziokulturelle Räume zu definieren, die Technik und Technologie8 implizieren, ebenso die Interaktionen von Mensch und Umgebung. Die folgende Grafik ist ein Versuch das Wesen des Mediums nach McLuhan bildlich darzustellen.

Am Beispiel des Computers wird die Natur dieses Mediums dann erfasst, wenn nicht nur die technischen Komponenten eines Gerätes, wie z. B. Arbeitsspeicher oder Auflösung des Bildschirms etc., beachtet werden, sondern auch analysiert wird, wie die zwischenmenschliche Kommunikation und die gesamte Umwelt durch die zunehmende Verwendung des Computers verändert wird, des weiteren welche neue Wahrnehmungsfähigkeiten die veränderte Umwelt bewirkt oder von den Menschen verlangt. Erst wenn diese drei Aspekte berücksichtig werden, erschließt der Benutzer oder die Benutzerin den Computer als Medium und nicht nur als Maschine.

Es wäre vielleicht am einfachsten, sofort zu sagen, dass der wirkliche Nutzen des Computers nicht darin besteht, Belegschaften oder Kosten zu verringern oder irgendetwas zu beschleunigen oder auszubügeln, was es immer schon gegeben hat. Seine wahre Funktion besteht darin, irdische und galaktische Umweltbedingungen und Energien auf harmonische Weise zu programmieren und zu orchestrieren.9

Medien als Ausweitungen des menschlichen Körpers

McLuhan beschreibt die Auswirkungen der medialen Umwelt auf die Wahrnehmung als fundamental und unwiderruflich: Die Medien sind Ausweitungen des menschlichen Körpers, seiner Organe oder Sinne, z. B. das Rad verlängert den Fuß, die Kleidung erweitert die Haut u.s.w., bis zum Computer, der in seiner Komplexität eine Ausweitung des menschlichen Gehirns darstellt.

Bei diesen Ausweitungen findet eine Auslagerung der Funktionen bestimmter Körperteile auf Instrumente oder Technologien statt und dieser Prozess irritiert anfänglich die Wahrnehmung dermaßen stark, dass der Mensch in einen Schock- und Schmerzzustand versetzt wird. Um die überanstrengte Psyche zu entlasten und das Gleichgewicht der Sinne wiederherzustellen, schaltet das Zentralnervensystem die Funktionen des ausgeweiteten Körperteils aus, somit wird dieser "amputiert" und so wird die Quelle der Irritation beseitigt. Der Mensch fühlt sich wieder heimisch in seiner Umgebung, allerdings befindet er sich wie bei einer richtigen Operation in einem Zustand der Narkose10. Die Technologienutzer und -nutzerinnen sind wie betäubt gegenüber jeder neuen Form der Technik ohne zu merken, dass es sich um eine Ausweitung ihres eigenen Körpers handelt. McLuhan verbildlicht den geschilderten Vorgang durch den antiken griechischen Narziss-Mythos: Der Sage nach verfiel der Schönling Narziss in unstillbare Liebe zu seinem eigenen im Wasser widergespiegelten Abbild.

Offenbar hätte er ganz andere Gefühle für das Bild gehabt, wenn er gewusst hätte, dass es sich um eine Ausweitung oder Wiederholung seiner eigenen Person handelte. Es ist vielleicht bezeichnend für die Tendenz unserer stark technischen und daher narkotischen Kultur, dass wir die Geschichte des Narziss lange Zeit so ausgelegt haben, dass sie ein Verliebtsein in sich selbst bedeute, in das Spiegelbild, von dem er glaubte, es sei Narziss!11

Die Prozesse der Ausweitung und "Selbstamputation" begleiten die Erfindung und Durchsetzung jeder neuen Technologie, durch die der Mensch die Fähigkeiten seines Körpers verbessert, gleichzeitig aber den Körper Teil für Teil ausschaltet, um eine Neuorganisation der Sinnesorgane zu bewirken, sodass sein psychisches Gleichgewicht beim Nutzen der Medien intakt bleibt.

McLuhan hält es für besonders wichtig, dass dieser Sachverhalt gerade im elektronischen Zeitalter durch Bildungsvorgänge reflektiert und bewusst gemacht wird, da er sonst keine Chance sieht, für den Menschen seelisch zu überleben. Mit der Erfindung des elektrischen Lichts weitete der Mensch sein gesamtes Zentralnervensystem aus, so dass der präventive Prozess der "Selbstamputation" ein radikales Ausmaß annahm. Um die Psyche vor Überlastung zu schützen, wurde der Gesamtkörper vom Zentralnervensystem therapeutisch in den Zustand der Narkose versetzt, sodass der Mensch immun für Schmerz und anderes Empfinden scheint. Diese "Vollnarkose" erklärt nach McLuhan die unser Zeitalter charakterisierende Ziel- und Teilnahmslosigkeit. Er konstatiert ebenso, dass der Verlust von Körperlichkeit in einen Verlust der Identität mündet und eine Existenzkrise herbeiführt. Der Mensch kommt sich völlig schutzlos gegenüber jedem neuen Medium vor und sucht seine Verletzlichkeit durch Gewalt auszugleichen, deswegen wird der Prozess der Durchsetzung einer neuen Technologie oft von Kriegen oder andere Arten von Gewalt begleitet.

Siddharta ist eine Geschichte von Gewalt als Suche nach Identität. Sie handelt von der Odyssee des begabten Sohnes eines wohlhabenden Brahmanen, der sein Zuhause verlässt, um ein Schamane zu werden. Asketentum oder Selbstverleugnung ist ebenso sehr eine Form der Gewalt, ein Weg, die eigenen inneren Grenzen und Gebiete zu entdecken, wie Krieg oder Erziehung.12

Ein Ausweg aus dem Teufelskreis bietet sich nur, wenn der Mensch aus der Narkose erwacht und die Ausweitungen seines eigenen Körpers erkennt und damit umzugehen lernt. Die elektronische Umwelt schafft nach McLuhan die Bedingungen dafür, da beim Benutzen der elektronischen Medien Fähigkeiten gefordert und entwickelt werden, die diesen Umgang ermöglichen:

[…] alle vorherigen Technologien oder Ausweitungen des Menschen [waren] partiell und fragmentarisch, während die elektronischen total und allumfassend sind. Der Mensch trägt das Gehirn jetzt außerhalb seines Schädels und die Nerven außerhalb seiner Haut. Eine neue Technologie züchtet einen neuen Menschen heran.13

Die vom Menschen erschaffenen Artefakte gehen ihrem Schöpfer sozusagen unter die Haut und tasten so eines der Hauptmerkmale menschlicher Identität, seine Körperlichkeit, an. Beim genauen Betrachten der Konsequenzen dieses Prozesses stellt McLuhan nicht nur einen Verlust von Körperlichkeit fest, sondern auch einen gleichzeitigen Gewinn einer neuen Körperlichkeit. Das sich Bewusstwerden dieser würde die Neuentdeckung des menschlichen Körpers bedeuten, was eine lang ersehnte, vom Buchdruck zerstörte Ganzheit des Menschen wiederherstellen würde:

Mit der Benutzung elektronischer Medien überschreiten wir die Grenze vom fragmentarischen Gutenberg-Menschen hin zum ganzheitlichen Menschen, so wie man mit dem phonetischen Alphabet die Grenze vom oralen Stammesmenschen zum visuell eingestellten Menschen überschritt.14

Der kanadische Literaturprofessor widerlegt mit seinem Verständnis von Medien einen oft behaupteten Gegensatz von Mensch und Technologie, der die Ängste impliziert, dass die "feindselige" Maschine die Herrschaft über die Menschen übernehmen wird. Denken wir an Mary Shelley's Dr. Frankenstein, der die Kontrolle über das von ihm geschaffene Wesen verliert und dieses zunehmend sich als Monster entpuppt, das das Leben seines Schöpfers zur Hölle macht. Ein jüngeres Beispiel solcher Ängste stellt der amerikanische Film "Matrix" aus dem Jahr 1999 dar, in dem die herrschenden Maschinen in speziell errichteten Farmen Menschen züchten, um sie als Energiequellen zu benutzen.

Die Beschreibung der Medien und Technologien als Ausweitungen des menschlichen Körpers soll uns vor Augen führen, dass sie etwas der menschlichen Natur Immanentes sind, also "human": Je mehr der Mensch über die Medien weiß, desto mehr erfährt er über sich selbst; dieses Bewusstsein verhilft ihm aus der Betäubung zu erwachen und seine Angst vor der Bedrohung durch die Maschinen zu überwinden.

Die Elektrotechnologie sollte man nicht als Invasion aus dem Weltall begreifen, sondern als unser eigenes Nervensystem, das in einer großartigen Simulation über uns hinaus in den Weltraum ausgedehnt wurde.15

Auch wenn McLuhan darauf hinweist, dass wir bei der Anwendung jeder Technologie uns dieser mit Leib und Seele ausliefern und unvermeidlich zu ihren Servomechaniesmen werden16, sieht er das Verhältnis Mensch–Maschine nicht als eine Versklavung des Menschen durch die Maschine, sonder als eine Wechselabhängigkeit: Einerseits werden die Artefakte und Technologien ein Teil des menschlichen Körpers, also für ihn unentbehrlich, andererseits eignen sie sich als menschliche Körperteile zunehmend "humane" Züge an.

Der Künstler als Erforscher der medialen Welt

Marshall McLuhan wurde zeitlebens mit Vorwürfen konfrontiert, dass er nicht wissenschaftlich genug sei und seine Thesen zu "pop artig" artikuliere. Besonders im deutschsprachigen Raum wurden seine Schriften zwar gelesen, aber erst in den letzten zehn Jahren als Diskussionsbeiträge ernst genommen und teilweise rezipiert. Der Kanadier erklärte seinerseits, dass die westliche Wissenschaft, die auf dem phonetischen Alphabet beruhe und sich durch Linearität und Fragmentarisierung auszeichne, im Zeitalter der Elektrizität, in dem alles gleichzeitig und mit Lichtgeschwindigkeit passiert, unzulänglich sei. Nicht die logische Schlussfolgerung ist der Königsweg, um die aktuelle, medial-technologische Welt zu erforschen, sondern die Methode des Mosaiks, das "eine Welt von Intervallen ist, in der maximale Energie über die Zwischenräume getragen wird"17. Diese Methode bedeutet, die Dinge zu zerbrechen und in neuen Mustern zusammenzusetzen, um die durch Artefakte und Technologien erschaffenen neuen Lebensbedingungen zu erkunden. Der Mosaik-Methode bedienten sich bereits symbolistische Dichter wie Rimbaud und Baudelaire, indem sie die Sprache aufbrachen, um die Gefühle der lebendigen Rede einzufangen, denn eine vielseitige Wechselbeziehung kann nicht nur auf einer einzigen Ebene abgehandelt werden, sondern erfordert Mehrdimensionalität. Ebenso strebt die moderne Malerei, angefangen von den Impressionisten über die Kubisten und Konstruktivisten bis zur Gegenwart, den visuellen, dreidimensionalen Raum durchzubrechen und beim Betrachten eines Kunstobjekts das ganze menschliche Sensorium einzubeziehen.

Denn ein "zweidimensionales" Mosaik oder Gemälde stellt jene Kunstform dar, bei der das Visuelle als solches gedämpft ist, damit ein maximales Wechselspiel aller Sinne ermöglicht wird. Solcherart war auch die Malmethode "seit Cezanne"; die Methode nämlich, so zu malen, als ob man die Gegenstände eher in der Hand hielte als sähe.18

McLuhan räumt in seinen Schriften mit einem fundamentalen Missverständnis auf: Es sei ein Irrtum zu glauben, die elektronischen Medien würden primär die visuellen Fähigkeiten des Menschen einfordern. Das phonetische Alphabet ist das Medium, das den Gesichtssinn über die anderen Sinne (Hör-, Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn) stellt. Durch die Erfindung der Buchpresse wurde die Herrschaft des Auges intensiviert und so der akustische Raum einer Stammesgesellschaft in eine überwiegend visuelle Kultur verwandelt. Durch die Schrift entwickelte der Mensch zunehmend sein abstraktes Denken und begann Wissen zu katalogisieren, zu klassifizieren und in immer engere Spezialgebiete einzuzwängen. Diese Tätigkeit führte schlussendlich zur Aufspaltung des ganzheitlichen Menschen und nicht zuletzt zu einer Körperfeindlichkeit, denn der visuelle Mensch ist seinem Körper völlig entfremdet, ja sogar feindlich gesinnt.

Das verloren gegangene Zusammenspiel aller Sinne wird laut McLuhan im Zeitalter der Elektrizität wieder gefordert und gefördert. Die elektronischen Medien sind eher taktil, intensivieren den Tastsinn, der im Unterschied zum Gesichtssinn die anderen Sinne nicht unterdrückt, sondern neu aktiviert.

 

 

Und im elektronischen Zeitalter rückt auch der taktile Raum immer mehr ins Zentrum des Interesses, denn der auditive und der taktile sind sich sehr verwandt. Der taktile Raum ist der Raum des Intervalls. Wenn man etwas berührt, entsteht ein Intervall, keine Verbindung. Wenn es eine Verbindung zwischen dem gäbe, was Sie berühren, und Ihrem Finger, hätten Sie keinen Finger.19

Dies wurde bereits von der Malerei der Moderne vorweg genommen. Die Kunst aber wurde, so McLuhan, seit der Erfindung des Buchdrucks völlig unterbewertet, denn aus ihr wurde eine Art Sammlung wertvoller Erfahrungsmomente gemacht, wo sie zuvor das Mittel zur Verschmelzung mit dem gesamten Kosmos gewesen ist. Dieser verkümmerte Kunstbegriff mache es unmöglich die lebendige, dynamische Funktion der Kunst zu erkennen. Die moderne Kunst verlangte bereits nach einem neuen Kunstbegriff, der die Kunst als Erkenntnismittel oder als einen Akt der Entdeckung definiert. Der Künstler benutzt im Wachzustand die Kräfte und Fähigkeiten, die Umwelt zu erforschen, die ein gewöhnlicher Mensch nur im Traum erfährt. Im Traum werden bekanntlich Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet und das geschieht nicht linear und logisch, sondern gleichzeitig auf vielen Ebenen.

Die Auswirkungen jeder neuen Technologie sind nach McLuhan, wie im bekannten Märchen Andersens, unsichtbar wie des Kaisers neue Kleider. Es sind immer "des Kaisers alte Kleider" zu sehen, denn jede neue Technologie enthüllt die Auswirkungen einer ihr vorausgegangenen. Darum blickt der Mensch, statt sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, nostalgisch zurück und glaubt unter dem Einfluss einer schon überholten Technologie zu leben. Nur der Künstler hat das Sensorium, die Auswirkungen der neuen Medien und Technologien sichtbar zu machen, indem er neue Formen der Wahrnehmung etabliert und so seine Zeitgenossen befähigt, auch "des Kaisers neue Kleider" wahrzunehmen.

Aber der Künstler ist eine Art "Fischer im Trüben", ein Mensch, der permanent die Wahrnehmung von ungesehenen, unsichtbaren Welten übt. Aber heute hat er sein Ziel höher gesteckt: nämlich die gesamte menschliche Welt als Kunstprodukt neu zu erschaffen, oder besser: zu programmieren.20

Die Kunst ermögliche es uns nicht ausschließlich in den Rückspiegel zu blicken, sondern auch durch die Windschutzscheibe. Die Chance der Erkenntnis, die die neuen Medien und Technologien bieten, kann nur erfolgreich genutzt werden, wenn die Herausforderung des Neuen auch angenommen wird. Das rückwärts gewandte Denken hält McLuhan für gefährlich, denn es verstärkt die Angst und enthält den Menschen das entscheidende Wissen über Medien vor.

 

SCHLUSSFOLGERUNG

Die Erfindung neuer Technologien gehört zur Natur des Menschen. Es ist an der Zeit die Technik nicht als etwas Fremdes zu sehen, sondern als etwas dem Menschen Zugehöriges. Wenn wir die Bedeutung von Technologie und Medien begreifen wollen, sollten wir uns derselben Instrumente und Methoden bedienen, die wir nutzen, um die menschliche Natur zu ergründen. Die Bildung hat zu diesem Vorhaben wichtiges beizutragen, indem sie die Reflexion von Medien und Technologien fördert und nicht nur die Optimierung der Technik, um Information messbar und verkaufbar zu machen. Wenn wir wie der Strauss den Kopf in den Sand stecken und mit alten Tools, die auf dem phonetischen Alphabet basieren, neue medial-technologische Realitäten zu erklären versuchen, werden wir scheitern, denn die neuen Medien haben den visuellen, dreidimensionalen Raum durchbrochen und verlangen eine Untersuchung auf mehreren Ebenen gleichzeitig. In dieser Hinsicht ist die Kunst der Wissenschaft weit voraus. McLuhan schrieb Künstlern ein besonderes Sensorium zu, das ihnen ermöglicht die veränderte mediale Umwelt zu erfassen und auf künstlerische Weise zu artikulieren.

Die Wissenschaft soll sich der Kunst annähern, um der gegenwärtigen technologischen Welt zu begegnen. Die noch üblichen, aus dem Zeitalter des Buchdrucks bekannten wissenschaftlichen Methoden sah McLuhan als für das elektronische Zeitalter ungeeignet. Nicht ein lineares, fragmentiertes Denken, sondern ein neues, mosaikartiges Denken ist erforderlich. Daher sollte sich das Bildungssystem nicht fortwährend nur auf die Ausbildung der linken, das analytische Denken fördernden Hemisphäre konzentrieren, sondern sich verstärkt um die Entfaltung der rechten, die menschliche Imagination unterstützenden Hemisphäre kümmern. Die rechte Hemisphäre ist, so McLuhan, die elektrische Hälfte des Gehirns, die simultan und mosaikartig ist und die es dem Menschen ermöglicht nicht lineare und nicht logisch zusammenhängende Verbindungen zu erstellen.

Das begabte Kind ist eines, dessen rechte Hirnhälfte dominant ist, aber dieses Kind ist in der Schule fehl am Platz, denn das Schulsystem ist ganz auf die linke Hemisphäre ausgerichtet, auf Quantifizierung, Klassifizierung, Notensystem und so weiter. Und in Intelligenztests wird immer nur die linke Hirnhälfte getestet. Einstein würde nicht einmal einen IQ von 90 erreichen. Er war so rechtshemisphärisch, er konnte kaum sprechen.21

 

LITERATUR

Baltes, M., Böhler, F., Höltschl, R. & Reuss, J., 2001, Marshall McLuhan: Das Medium ist die Botschaft – The Medium ist the Message, Verl. der Kunst, Dresden.         [ Links ]

Baltes, M., Böhler, F., Höltschl, R. & Reuss, J., 1997, Medien verstehen, Der McLuhan-Reader, Bollmann, Mannheim.         [ Links ]

Gordon, W. T., 1997, Marshall McLuhan: Escape into understanding, Stoddart, Toronto.         [ Links ]

Kerckhove, D., de Leeker, M. & Schmidt, K., 2008, McLuhan neu lesen: Kritische Analysen zu Medien und Kultur im 21. Jahrhundert/, pp. 127-139, transcript Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis, Mühlenstraße 47, 33607 Bielefeld, Germany.         [ Links ]

Krippendorff, K., 1994, Der verschwundene Bote, Metaphern und Modelle der Kommunikation, in K. Merten, S. Schmidt & S. Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien: Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, pp. 79–113, Westdt. Verlag, Opladen.         [ Links ]

Marchand, P., 1989, Marshall McLuhan: The medium and the messenger, Random House, Toronto.         [ Links ]

McLuhan, M., 2003, Understanding media: The extensions of man, Gingko Press, Corte Madera.         [ Links ]

McLuhan, M., 1978, Wohin steuert die Welt? Massenmedien und Gesellschaftsstruktur, Europaverl, Wien.         [ Links ]

McLuhan, M., 1995, Die Gutenberg-Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters, Addison-Wesley, Bonn.         [ Links ]

McLuhan, M. & Fiore, Q., 1971, Krieg und Frieden im globalen Dorf, Econ Verlag, Düsseldorf.         [ Links ]

Sanderson, G. & Macdonald F., 1989, Marshall McLuhan: The man and his message, Fulcrum, Colorado.         [ Links ]

 

 

Correspondence to:
Valia Kraleva
Geylinggasse 33/12
1130 Wien (Vienna) Austria
e-mail: valia.kraleva@chello.at

Received: 08 July 2009
Accepted: 07 July 2009
Published 29 Sept. 2009

 

 

DOI: 10.4102/hts.v65i1.312
This article is available at: http://www.hts.org.za
Note: Valia Kraleva (PhD student, supervisor Prof. Dr Bernd Trocholepczy, IPP Religion in Dialogue, Goethe University Frankfurt am Main, Germany) is a research associate of Prof. Dr Yolanda Dreyer, Department of Practical Theology, University of Pretoria. This article is based on the research of Valia Kraleva for her doctoral thesis.
1. 1949 veröffentlichten die Amerikaner Claude Shannon und Warren Weaver eine Kommunikationstheorie, die die Medien als neutrale Leitungen oder Kanäle beschreibt. Die beiden Mathematiker konzipierten ihr Modell für technische Anwendungen. Jedoch breitete sich diese Vorstellung von Medien in der Öffentlichkeit rasch aus und setzte sich sogar in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch. In dieser Konnotation ist das Medium ein Übertragungskanal, der auf die übertragene Information, die technisch eine Reihe von Signalen darstellt, keinerlei bedeutenden Einfluss ausübt. Einzig das "Rauschen" im Kanal könnte diesen Vorgang stören. Also erreicht die Botschaft, die vom Sender abgegeben wurde, unverändert den Empfänger (vgl. Krippendorff 1994:79–113).
2. Geschlechtsorgan der Maschinen, McLuhan, M. in einem "Playboy"-Interview mit Norden, E. (1969:173), in Baltes, M. (2001:169–244).
3. Vgl. McLuhan, M. (1978:143).
4. Vgl. "I ain't got no body…", McLuhan, M. im Gespräch mit Forsdale, L (1978:11), in Baltes, M. (2001: 7–54).
5. Die Autorin verzichtet bewusst auf eine Darstellung der aktuellen medientheoretischen Debatte. Marshall McLuhan war zum Unterschied anderer Wissenschafter nicht bemüht eine Schule von Nachfolgern seiner Ideen zu etablieren, sondern eher ein Netzwerk von Medienwissenschaftern zu inspirieren, die sich mit neuen Methoden den Medien annähern, um sie zu verstehen. McLuhans Schriften sind Low Definition, also erfordern maximale Einbezogenheit der Leser und Leserinnen. McLuhan sollte so gelesen werden wie moderne Malerei betrachtet wird: Indem man das Bild betrachtet oder beschreibt, wird man selbst zum Schöpfer. McLuhans Schriften zu lesen ist ein kreativer Prozess und nicht eine logische Erfassung von Begriffen. Zum Beispiel wird McLuhans Medienbegriff von vielen auf ein Verständnis der Medien als Artefakte (Instrumente) reduziert, was ein Unbegreifen seiner Arbeiten beweist.
6. McLuhan, M. (1978:7).
7. McLuhan, M (1978:74).
8. Das Wort Technologie stammt aus dem griechischen Wort technología und bedeutet wortwörtlich die Herstellungs- oder Verarbeitungslehre. Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig als Synonym für "Technik" verwendet. Allerdings ist der Begriff "Technologie" umfassender, denn er impliziert den Begriff "Technik" und das Wissen um diese Technik.
9. McLuhan, M., Fiore, Q. (1971:166).
10. Das Wort Narkose stammt vom griechischen Wort nárkōsis und bedeutet Erstarrung, Betäubung.
11. McLuhan, M. (2003:63).
12. McLuhan, M., Fiore, Q. (1971:153).
13. Geschlechtsorgan der Maschinen, McLuhan, M. in einem "Playboy"-Interview mit Norden, E. (1969:235), in Baltes, M. (2001:169–244).
14. McLuhan, M., Fiore Q. (1971:166).
15. Die Gegenwart ist immer unsichtbar. McLuhan, M im Gespräch mit Bronstein, E., dem Herausgeber des "Structuralist" in Toronto (1966:127), in Baltes, M. (2001:108–128).
16. Geschlechtsorgan der Maschinen, McLuhan, M in einem "Playboy"-Interview mit Norden, E. (1969:235), in Baltes, M. (2001:169–244).
17. Vgl. Testen bis die Schlösser nachgeben. McLuhan, M. im Gespräch mit Stearn, G.E. (1969:98), in Baltes, M. (2001:55–107).
18. McLuhan, M. (1995:53).
19. "I ain't got no body…", McLuhan, M. im Gespräch mit Forsdale, L. (1978:25), in Baltes, M. (2001:7–54).
20. Die Gegenwart ist immer unsichtbar. McLuhan, M. im Gespräch mit Bronstein, E., dem Herausgeber des "Structuralist" in Toronto (1966:120), in Baltes, M. (2001:108–128).
21. "I ain't got no body…", McLuhan, M. im Gespräch mit Forsdale, L. (1978:16), in Baltes, M. (2001:7–54).